Bioboom-99-Warenkunde-Bitter-Header

Bit­ter
Die Renais­sance eines unge­lieb­ten Geschmacks

Bitterkalt, bitterböse, bis zum bitteren Ende – wenn ­etwas bitter ist, ­bedeutet das selten ­etwas ­Gutes. Auch beim ­Essen endet die Abneigung nicht – kaum jemand zählt ein bitteres ­Lebensmittel zu ­seinen ­Lieblingen. Warum auch, schmeckt ja nicht. Bioboom hat für Euch zusammengefasst, warum »bitter« trotz alledem stets auf der Speisekarte stand, aktuell ­sogar ein Comeback erlebt und wieso es sich lohnt, sich auf Bitterstoffe einzulassen.
Bioboom Sommerausgabe 2023 – Warenkunde Bittera
Bioboom Sommerausgabe 2023 – Warenkunde Bittera

Siehe auch:

Siehe auch:

Wie kommt »bit­ter« über­haupt zustan­de? Bit­ter­stof­fe sind eine Rei­he unter­schied­li­cher che­mi­scher Ver­bin­dun­gen. Um sie wahr­neh­men zu kön­nen, haben wir auf der Zun­ge einen Rezep­tor namens »hTAS2R« (h steht für human, TAS für »tas­te«), der auf den Geschmacks­re­zep­tor­zel­len unse­rer Geschmacks­knos­pen sitzt. Die ins­ge­samt 25 Geschmacks­re­zep­to­ren, die es für den bit­te­ren Geschmack gibt, sit­zen übri­gens ganz hin­ten auf der Zunge.

 

Bit­ter als Warnsignal

 

Wir kön­nen bit­ter also wun­der­bar schme­cken, obwohl die meis­ten Men­schen kei­ne Fans des bit­te­ren Geschmacks sind. Das ist sinn­voll, denn: Einer der Grün­de für die all­ge­mei­ne Unbe­liebt­heit könn­te eine evo­lu­tio­nä­re Schutz­funk­ti­on sein. Pflan­zen pro­du­zie­ren Bit­ter­stof­fe, um Fress­fein­de abzu­weh­ren. Bit­ter geht dabei oft ein­her mit gif­tig. Wenn etwas bit­ter schmeckt, kann das also durch­aus ein Warn­si­gnal sein: Vor­sicht, nicht essen! So starb vor eini­gen Jah­ren ein Rent­ner, der selbst gezo­ge­ne Zuc­chi­ni geges­sen hat­te, obwohl sie furcht­bar bit­ter schmeck­te. Dipl.-Ing. Wolf­gang Pal­me, Abtei­lungs­lei­ter für Gemü­se­bau an der Höhe­ren Bun­des­lehr- und For­schungs­an­stalt für Gar­ten­bau in Schön­brunn erklärt: »Die Bit­ter­stof­fe sind im Pflan­zen­reich che­misch gese­hen eine unglaub­lich viel­fäl­ti­ge Grup­pe von Inhalts­stof­fen. Die Cucur­bit­a­ci­ne bei­spiels­wei­se sind für bit­te­re Fruch­ten­den von Gur­ken und Zuc­chi­ni ver­ant­wort­lich. Sie sind Giftstoffe.«

 

Kla­rer­wei­se sind nicht alle bit­te­ren Pflan­zen gif­tig, im Gegen­teil, vie­le sind sogar über­aus gesund­heits­för­dernd. Beob­ach­tun­gen zei­gen, dass Tie­re instink­tiv bit­te­re Kräu­ter fres­sen, wenn sie erkran­ken. Wir Men­schen hin­ge­gen gehen dem Geschmack meist aus dem Weg. Ein Grund dafür könn­te auch sein, dass wir immer mehr ver­ar­bei­te­te Lebens­mit­tel kon­su­mie­ren, die in ers­ter Linie sal­zig oder süß sind. Und weil der Mensch beim Essen ein Gewohn­heits­tier ist, befin­den unse­re Geschmacks­knos­pen haupt­säch­lich Spei­sen mit die­sen Attri­bu­ten für gut, bit­te­re Noten haben fast kei­ne Chance.

 

Die Sache mit Kaf­fee, Bier und Oliven

 

Doch es gibt Aus­nah­men, zum Bei­spiel Kaf­fee, ein aus­ge­spro­che­nes Lieb­lings­ge­tränk der Deut­schen. Der schmeckt uns offen­sicht­lich – aller­dings meist erst, wenn wir älter sind. Das liegt dar­an, dass die Zahl der Geschmacks­knos­pen zurück­geht – im Alter besit­zen wir nur­mehr etwa ein ­Fünf­tel der ursprüng­li­chen Anzahl. Das bedeu­tet: Bit­ter schmeckt im Lau­fe des Lebens weni­ger kräf­tig und dann fin­den wir dar­an häu­fig durch­aus Gefallen.

 

Wäh­rend wir im Jugend­al­ter noch die Nase über die Kaf­fee trin­ken­den Erwach­se­nen rümp­fen und nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, was man an dem brau­nen Gebräu fin­den kann, wol­len wir spä­ter oft nicht mehr dar­auf ver­zich­ten. Grund­le­gend gilt auch: Je öfter man Bit­te­res zu sich nimmt, des­to eher gewöhnt man sich dar­an – man spricht hier vom soge­nann­ten Mere-Expo­sure-Effekt. Die ers­te Tas­se Kaf­fee schmeckt noch nach bit­te­rer Plör­re, die sieb­te dann bereits nach Lebens­eli­xier. Das Glei­che gilt übri­gens für ande­re »erwach­se­ne« Lebens­mit­tel wie etwa Oli­ven, Bier, dunk­le Scho­ko­la­de oder Kräuterschnaps.

 

Alles für den guten Geschmack

 

Apro­pos: Unse­re Groß­el­tern grif­fen vor oder nach einer üppi­gen Mahl­zeit ger­ne zum »Magen­bit­ter«, um der Ver­dau­ung damit auf die Sprün­ge zu hel­fen. Dabei hät­ten sie die Bit­ter­stof­fe aus der Fla­sche gar nicht so nötig gebraucht. Denn vie­le Lebens­mit­tel waren frü­her bitter(er). Gur­ken, Arti­scho­cken, Zuc­chi­ni oder Rosen­kohl: Ihnen allen wur­de das Bit­te­re über die Jah­re weg­ge­züch­tet – im Namen des guten Geschmacks. »Aus Wild­pflan­zen Nutz­pflan­zen zu züch­ten, war eine Kul­tur­leis­tung der Mensch­heit über Jahr­hun­der­te, lan­ge bevor es Samen­fir­men und Saat­gut­kon­zer­ne gab. Die für die mensch­li­che Ernäh­rung stö­ren­den Inhalts­stof­fe weg­zu­züch­ten, erfor­der­te auf­wän­di­ge Selek­ti­ons­ar­beit. Bei Gur­ken und Zuc­chi­ni bei­spiels­wei­se gelang die Ent­wick­lung von völ­lig bit­ter­frei­en Sor­ten erst im 20. Jahr­hun­dert«, sagt Pal­me. Ein Blick in alte Koch­bü­cher, in denen die Rezep­te anwei­sen, Auber­gi­nen zu »ent­bit­tern« oder die Spit­zen von Gur­ken weg­zu­schnei­den, bestä­ti­gen die­se Ent­wick­lung. Wild­pflan­zen und ‑kräu­ter wie Löwen­zahn, Brenn­nes­seln oder Schaf­gar­be haben ihre Bit­ter­keit über die Zeit hin­weg unge­stört behal­ten und kön­nen uns auf Wunsch auch heu­te noch mit natür­li­chen Bit­ter­stof­fen versorgen.

 

 

Bioboom Sommerausgabe 2023 – Warenkunde Bitter

Bit­ter boomt (wie­der)

 

Denn: Obwohl sie zuerst weg­ge­züch­tet und über­haupt aus unse­rer Ernäh­rung wei­test­ge­hend eli­mi­niert wur­den, erlebt der bit­te­re Geschmack gera­de so etwas wie eine Renais­sance: Denn bit­ter kann eben auch gut für uns sein. Was gut für die Gesund­heit ist, will der Mensch wie­der­um ger­ne mög­lichst ein­fach zu sich neh­men. Im Reform­haus haben bit­te­re Tink­tu­ren und Pflan­zen­säf­te seit jeher ihren fes­ten Platz. Jetzt wer­den Bit­ter­trop­fen und ‑Tink­tu­ren, Pul­ver und Säf­te auch von jun­gen Start-ups auf den Markt gebracht. Auf Insta­gram und Co. wer­ben sie mit attrak­ti­ven mini­ma­lis­ti­schen Braun­glä­sern und schö­nen Natur­bil­dern – Bit­ter wird zum Life­style-Trend. So kommt der eigent­lich unbe­lieb­te Geschmack bei neu­en Ziel­grup­pen an. Jedoch geht es bei den bit­te­ren Stof­fen um so viel mehr als um die Ergän­zung einer hip­pen Morgenroutine.

 

Bes­ser verdauen

 

Nicht nur Hil­de­gard von Bin­gen setz­te in ihren Rezep­ten auf bit­te­re Pflan­zen. Sie haben tat­säch­lich eine wich­ti­ge gesund­heit­li­che Funk­ti­on. »Bit­ter stimmt den kom­plet­ten Ver­dau­ungs­ap­pa­rat in den Arbeits­mo­dus ein«, erklärt Diä­to­lo­gin Sabi­ne Nuß­bau­mer. »Die bes­te Wir­kung hat man daher, wenn man das Essen mit etwas Bit­te­rem beginnt.« So wird die Pro­duk­ti­on von Spei­chel, Magen­saft, Gal­len­flüs­sig­keit und Bauch­spei­chel­drü­sen­se­kret ange­regt. »Spä­tes­tens zur Haupt­spei­se unter­stützt bit­ter in Form von Salat oder Gemü­se als Bei­la­ge noch immer kräf­tig bei der Ver­dau­ung und Völ­le­ge­fühl, Blä­hun­gen und Krämp­fe wer­den sel­te­ner«, fügt sie hin­zu. Nicht nur das: Durch den ange­kur­bel­ten Gal­len­fluss wird in Fol­ge auch die Leber in ihrer Ent­gif­tungs­funk­ti­on tat­kräf­tig unter­stützt. Das All­round-Talent Bit­ter soll den Kör­per sogar gegen Bak­te­ri­en und Viren unter­stüt­zen, einer Über­säue­rung des Kör­pers ent­ge­gen­wir­ken und den Blut­zu­cker­spie­gel posi­tiv beein­flus­sen kön­nen. Beson­ders attrak­tiv ist für vie­le neue Bit­ter­fans, dass Bit­ter­stof­fe angeb­lich die Lust auf Süßes ver­min­dern und Nasch­at­ta­cken vor­beu­gen können.

 

Bit­ter­süß genießen

 

»Um mehr Bit­ter­stof­fe in die Ernäh­rung zu inte­grie­ren, kön­nen ver­schie­de­ne Geschmacks­rich­tun­gen kom­bi­niert wer­den«, rät Nuß­bau­mer. So kön­ne man als »Bitter-Anfänger:in« die Geschmacks­ner­ven aus­trick­sen und dadurch mehr Bit­ter­stof­fe in die Ernäh­rung ein­bin­den. »Eine belieb­te Mög­lich­keit ist die Kom­bi­na­ti­on von bit­ter und süß, um Ers­te­res abzu­run­den. Bei­spiels­wei­se kann man bit­te­re Gemü­se­sor­ten wie Rosen­kohl oder Chi­co­rée in der Pfan­ne bra­ten und kurz vor dem Gar­pro­zess etwas Zucker dar­über streu­en«, rät die Diä­to­lo­gin. Wer es trotz­dem nicht schafft, grü­ne Papri­ka, Grape­fruit oder Radic­chio regel­mä­ßig in den Spei­se­plan zu inte­grie­ren, holt sich die guten Eigen­schaf­ten der Bit­ter­stof­fe eben doch aus Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln, die es im Bio-Laden sogar in Bio-Qua­li­tät gibt. Zumin­dest ein oder zwei kuli­na­ri­sche Ver­su­che loh­nen sich aber bestimmt, denn nur so kön­nen wir das vol­le mensch­li­che Geschmacks­spek­trum erle­ben. Denn zu dem gehört bit­ter genau­so dazu, wie süß, sal­zig, sau­er und umami.

Text: Nadi­ne Pinezits

 


 

Lese­emp­feh­lung: Wem das jetzt zu Bit­ter war, wird hier fün­dig: Zucker – gelieb­ter Feind  → Zum Artikel

 


 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 99 — Som­mer 2023

Bioboom Cover der Sommerausgabe 2023 Nr. 99

Weiterlesen

Das könnte dir auch gefallen
Welche Gewürze »nach Weihnachten schmecken« und wie wir das Beste aus ihnen machen
Gut essen

Waren­kun­de
Stim­mungs­ma­cher Gewürze

Frisch geba­cke­ne Kip­ferl. Zimt­ster­ne. Damp­fen­der Punsch. Brat­äp­fel. Na, konn­tet Ihr sie beim Lesen direkt rie­chen? Vanil­le, Nel­ke, Kar­da­mom und natür­lich Zimt – nur ein Hauch in der Nase sorgt für Instant-­Be­sinn­lich­keit. War­um das so ist? 

Gut essen

Bio-Crun­chy
Knusp­rig frühstücken

Wenn es ums Frühstück geht, star­ten die Deut­schen ger­ne süß in den Tag, zum Bei­spiel mit Zerea­li­en. Wir stel­len Euch eine köst­li­che Unter­art vor: Knuspermüsli, auch als Gra­nola oder Crun­chy bezeichnet.

Bioboom Ausgabe 91 – Bio-Klassiker Sanchon Sonnentomate
Gut essen

Bio-Klas­si­ker Sanchon
»Die Idee war eine Gemüsemarmelade«

Kräf­tig-fruch­tig, wie der Name schon sagt. Aus­ge­spro­chen toma­tig, mit einem Hauch Meer­ret­tich und einem Sprit­zer Ace­to Bal­sa­mi­co abge­schmeckt: Die Son­nen­to­ma­te ist so etwas wie das Flagg­schiff der Lebens­mit­tel-Hand­wer­ker von Sanchon.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner