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Sehnsuchtsort und Wirtschaftsfaktor

Unser Wald

Dem deutschen Wald geht es nicht gut. Der Klimawandel setzt ihm zu, das ist fast allüberall schon mit bloßem Auge zu erkennen: Großflächig sind die Fichten abgestorben, Baumkronen werden lichter. Der Wald verändert sich und wird das auch weiter tun. Aber in welche Richtung? Darüber wird viel diskutiert. Übrigens: Eine nachhaltigere Waldnutzung hätte auch Konsequenzen für unseren Alltag.
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Stan­gen­forst als leich­tes Opfer

Heu­te schreibt sich die Forst­wirt­schaft in Deutsch­land den Slo­gan »Vor­aus­schau­end aus Tra­di­ti­on« auf die Fah­nen respek­ti­ve auf die Web­sei­te. Und sorgt schon aus wirt­schaft­li­chem Eigen­in­ter­es­se dafür, dass immer genug Holz nach­wächst. Aller­dings wur­den jahr­zehn­te­lang vor allem Fich­ten gepflanzt, weil die schnell star­ke Stäm­me ent­wi­ckeln und von der Indus­trie gut zu ver­ar­bei­ten sind. Die belieb­ten Nadel­bäu­me kamen dabei auch an Stand­or­te, wo sie eigent­lich nicht hin­ge­hö­ren: in nied­ri­ge Höhen­la­gen unter 500 Meter bei­spiels­wei­se oder an son­nen­ex­po­nier­te süd­li­che Hang­la­gen. Genau das wur­de die­sen Fich­ten­wäl­dern, im Volks­mund auch Stan­gen­forst genannt, nun nach den drei sehr tro­cke­nen und ­hei­ßen Som­mern in den Jah­ren 2018 bis 2020 zum Ver­häng­nis. Die Fich­ten star­ben groß­flä­chig ab, weil sie als Flach­wurz­ler nicht mehr genug Was­ser aus dem Boden zie­hen konn­ten. Der Bor­ken­kä­fer, der sich bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren beson­ders wohl fühlt, tat ein Übri­ges. Die Schä­den waren und sind immer noch selbst für Lai­en mit blo­ßem Auge zu erken­nen. Grau-braun zeich­nen sich die ver­trock­ne­ten Fich­ten, die noch nicht ent­nom­men wur­den, von den ande­ren Bäu­men ab. In man­chen Gegen­den, zum Bei­spiel im Harz, ist das Aus­maß des Kahl­schlags erschreckend.

 

Nur noch 21 Pro­zent der Wald­bäu­me gesund

 

Aber auch bei ande­ren Baum­ar­ten zeich­nen sich deut­li­che Schä­den ab. Der jähr­lich erschei­nen­de Wald­zu­stands­be­richt ver­meldete Anfang 2021, dass nur 21 Pro­zent der unter­such­ten Bäu­me noch ohne Kro­nen­schä­den sind. Bei den ande­ren 79 Pro­zent las­sen sich mitt­le­re bis deut­li­che Kro­nen­ver­lich­tun­gen fest­stel­len – ein Alarm­zei­chen, weil Bäu­me von oben her ster­ben. Also: Der Wald ist in Not. Und mit ihm nicht nur Waldbesitzer:innen und holz­ver­ar­bei­ten­de Betrie­be, deren wirt­schaft­li­che Grund­la­ge gefähr­det ist, son­dern wir alle.

 

Wäl­der für den Klimaschutz

 

Denn der Wald spielt nicht nur für unse­re Erho­lung eine wich­ti­ge Rol­le, son­dern auch fürs Kli­ma. Bäu­me brau­chen CO2 zum Wach­sen und spei­chern den Koh­len­stoff in ihrem Holz. Gleich­zei­tig pro­du­zie­ren sie qua­si als Abfall­pro­dukt der Pho­to­syn­the­se den für alle Lebe­we­sen so ­wich­ti­gen Sauer­stoff. Wäl­der sind damit wich­ti­ge CO2-Sen­ken – aber sie sind es eben nur dann dau­er­haft, wenn mehr Holz nach­wächst als genutzt wird. Und genau hier wird es lang­sam kri­tisch, warnt das Umwelt­bun­des­amt: Die Hol­zent­nah­me lie­ge auf einem sehr hohen Niveau. Kämen dann noch, wie bei­spiels­wei­se 2018, Stür­me, Tro­cken­heit und Schäd­lin­ge dazu, wer­de mehr Holz aus dem Wald geholt als rech­ne­risch net­to ­zuge­wach­sen ist.

 

»Ein kom­ple­xes Ökosystem«

 

Und so sind wir wie­der bei der alten und immer noch aktu­el­len For­de­rung von Hans Carl von Car­lo­witz nach einer nach­hal­ti­gen Wald­be­wirt­schaf­tung. Die aber muss in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels mehr berück­sich­ti­gen als aus­rei­chen­de Neu­an­pflan­zun­gen. Umwelt­ver­bän­de wie der WWF for­dern nichts weni­ger als einen lang­fris­ti­gen Umbau hin zu einem natur­ver­träg­li­chen Laub­misch­wald mit hei­mi­schen Arten: »Wir müs­sen den Wald wie­der als ein kom­ple­xes Öko­sys­tem begrei­fen und nicht als rei­nen Holz­lie­fe­ran­ten«, sagt Dr. Susan­ne Win­ter, selbst Forst­wis­sen­schaft­le­rin und Pro­gramm­lei­te­rin Wald beim WWF. »Der Wald braucht einen Teil des Zuwach­ses für sich selbst, er braucht mehr alte Bäu­me, mehr was­ser­spei­chern­des Tot­holz. Des­halb müs­sen wir den Begriff der forst­wirt­schaft­li­chen Nach­hal­tig­keit neu definieren.«

 

»Wir müs­sen den Wald wie­der als ein kom­ple­xes Öko­sys­tem begrei­fen und nicht als rei­nen Holzlieferanten.«

 

Damit Wald­be­sit­zer den Wald natur­nä­her bewirt­schaf­ten und trotz­dem noch Geld ver­die­nen kön­nen, for­dert der WWF finan­zielle staat­li­che Unter­stüt­zun­gen im Gegen­zug für öko­lo­gi­sche Leis­tun­gen. Die­se soll­ten im Bun­des­wald­ge­setz beschrie­ben wer­den und an die FSC-Zer­ti­fi­zie­rung ­(Forest Ste­wardship Coun­cil) anknüp­fen. Zwar gibt es auch am FSC Kri­tik, zum Bei­spiel weil auch Holz aus Regen­wäldern FSC-zer­ti­fi­ziert wer­den kann, den­noch: »Trotz man­cher Män­gel steht das FSC-Zer­ti­fi­kat für eine ver­ant­wor­tungs­vol­le­re Wald­wirt­schaft, so dass ober­halb die­ser Anfor­de­rung ein staat­li­ches För­der­pro­gramm anset­zen könn­te«, fin­det Susan­ne Winter.

 

Öko-Wald mit Siegel?

 

Bis­lang sind ledig­lich 12 Pro­zent der deut­schen Wald­flä­che FSC-zer­ti­fi­ziert. Dazu zäh­len auch die 19 Fors­te, die zusätz­lich das Natur­land-Sie­gel tra­gen. Als ein­zi­ger öko­lo­gi­scher Anbau­ver­band ver­gibt Natur­land schon seit 1995 sein Sie­gel auch für Wald­be­trie­be. Das Inter­es­se hält sich bis­lang in Gren­zen: Zer­ti­fi­ziert sind vor allem Stadt­wäl­der. Gemein­sam kom­men sie auf eine Wald­flä­che von knapp 56.000 Hekt­ar, das ent­spricht etwa 0,5 Pro­zent des deut­schen Wal­des. Immer­hin 68 Pro­zent der deut­schen Wald­flä­chen sind gemäß PEFC (Pro­gram­me for the Endor­se­ment of Forest Cer­ti­fi­ca­ti­on) zer­ti­fi­ziert. Das PEFC-Zer­ti­fi­kat ist bis­lang die Bedin­gung dafür, staat­li­che Zah­lun­gen zu erhal­ten. PEFC steht nach eige­nen Anga­ben eben­falls für eine nach­hal­ti­ge­re Bewirt­schaf­tung. Aller­dings sind die zu erfül­len­den Kri­te­ri­en deut­lich schwä­cher: Die Sie­gel­ver­ga­be erfolgt auf Basis einer Selbst­aus­kunft, Kon­trol­len erfol­gen nur stichprobenartig.

 

Hei­mi­scher Laub­misch­wald für Artenvielfalt

 

Wie auch immer das Ziel erreicht wird, für Susan­ne Win­ter ist klar: »Wir brau­chen wider­stands­fä­hi­ge­re Wäl­der, aber dabei muss der öko­lo­gi­sche Anspruch im Vor­der­grund ste­hen.« Sie berich­tet, dass vie­le, vor allem pri­va­te Wald­be­sit­zen­de, in Bäu­me inves­tie­ren woll­ten, die mit Tro­cken­pe­ri­oden bes­ser klar kom­men, zum Bei­spiel Nord­ame­ri­ka­ni­sche Dou­gla­si­en oder Japa­ni­sche Lär­chen. »Die­se Bäu­me sind bei uns aber nicht hei­misch und bie­ten nicht den rich­ti­gen Lebens­raum für unse­re Wald­pflan­zen, ‑pil­ze und ‑tie­re.« Der WWF plä­diert für hei­mi­sche Laub­mi­sch­wäl­der, bei denen Buchen die Haupt­rol­le spie­len. Denn mit Buchen stei­ge der Grund­was­ser­spie­gel merk­lich. Die Erklä­rung für die­ses Phä­no­men ist so sim­pel wie ein­leuch­tend: Buchen recken ihre Äste V‑förmig nach oben. Wenn es reg­net, fließt das Was­ser so schnel­ler zum Stamm und an des­sen glat­ter Rin­de hin­un­ter zum Boden. Und im Win­ter fällt zusätz­lich der Regen durch die nicht mehr belaub­te Krone.

 

Zu scha­de für Taschentücher

 

Wie könn­te, wie soll­te der Umbau der Wäl­der aus­se­hen, damit sie ihre Auf­ga­ben erfül­len und dem Kli­ma­wan­del stand­hal­ten kön­nen? Längst wird gefor­dert, eine Zukunfts­kom­mis­si­on Wald ein­zu­set­zen, die alle Inter­es­sen­grup­pen an einen Tisch bringt und nach einem gemein­sa­men Weg sucht. Eines aber ist bereits jetzt klar: Wenn es gelin­gen soll, die öko­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und sozia­len Funk­tio­nen des Wal­des in einen har­mo­ni­schen Drei­klang zu brin­gen, wer­den sich auch die Verbraucher:innen umstel­len müs­sen. »Holz ist natür­lich ein nach­hal­ti­ges Mate­ri­al, aber nur, wenn es zu lang­le­bi­gen Pro­duk­ten ver­ar­bei­tet wird. Viel zu viel Holz wird nur ener­ge­tisch oder kurz­fris­tig genutzt, zum Bei­spiel als Brenn­holz, Papier oder Pap­pe«, kri­ti­siert Susan­ne Win­ter vom WWF. »War­um nicht ein Wisch­tuch neh­men statt der Küchen­rol­le, Stoff- statt Papier­ta­schen­tü­cher?« Auch der boo­men­de Online-Markt, der rie­si­ge Men­gen an Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al aus Pap­pe und Papier ver­schlingt, macht ihr Sor­gen. »Dafür ist der Wald viel zu scha­de.« Es ist also nicht nur die Wald­wirt­schaft, die nach­hal­ti­ger wer­den muss.

 

→ Bir­git Schumacher

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 93 — Win­ter 2021

 

Bioboom 93 Coverbild

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