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Bio in der Post-Bequemlichkeits-Ära

Immer mehr ist nicht mehr

Minimalismus, DIY und bewusster Verzicht liegen im Trend. Für Bio bedeutet das eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Sich einfach den Einkaufskorb voll packen, ohne groß nachzudenken – das war einmal. Heute kaufen gerade Bio-­Kunden bewusster ein, greifen zum nachhaltigsten Produkt.
Bio in der Post-Bequemlichkeits-Ära

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»Müs­lis« als Gegenmodell

 

So wie Joseph Wil­helm und Jen­ni­fer Ver­meu­len: Sie mie­ten 1974 einen Bau­ern­hof in Ober­bay­ern, um dort gesun­de Lebens­mit­tel anzu­bau­en. Ein Jahr spä­ter eröff­nen sie in Augs­burg den Natur­kost­la­den »Rapun­zel Natur­spei­sen« und ver­kau­fen dort selbst gemach­tes Müs­li, Nuss­mu­se und Frucht­schnit­ten. Oder Ulrich Wal­ter: Der gelern­te Ree­de­rei-Kauf­mann über­nimmt 1979 einen klei­nen Bio-Laden im nie­der­säch­si­schen Diep­holz – und stellt erstaunt fest, dass es weder Kaf­fee noch Tees und Kräu­ter aus bio­lo­gi­schem Anbau gibt. Kurz­ent­schlos­sen grün­det er die Fir­ma Lebens­baum, för­dert Anbau­pro­jek­te in aller Welt und nimmt die Her­stel­lung selbst in die Hand.

 

Die Roh­wa­ren siebt er im hei­mi­schen Betrieb in Wäsche­wan­nen und füllt sie mit klei­nen Schip­pen in Tüten ab – zwei Bei­spie­le für vie­le ähn­li­che Pio­nier-Geschich­ten. »Natur­kost« hieß Bio damals, »Müs­lis« oder auch »Kör­ner­fres­ser« wur­den die Bio-Prot­ago­nis­ten der ers­ten Stun­de mehr oder weni­ger lie­be­voll genannt. Ein­fach soll­ten die Pro­duk­te sein, trans­pa­rent ihre Her­kunft, nach­voll­zieh­bar die Ver­ar­bei­tung, mög­lichst schlicht ver­packt. Sowohl bei den Her­stel­lern als auch bei den Men­schen, die in den klei­nen, anfangs oft schlecht sor­tier­ten Natur-kost­lä­den aus Über­zeu­gung ein­kauf­ten, stand das umwelt­be­wuss­te Wirt­schaf­ten ganz oben auf der Agen­da. Weni­ger, aber dafür natür­lich und nach­hal­tig – also ein »zurück zu den Wurzeln«?

 

Von der Natur­kost zur Bio-Convenience

 

Als die Nach­fra­ge nach öko­lo­gisch pro­du­zier­ten Lebens­mit­teln ste­tig zu stei­gen begann, pro­fes­sio­na­li­sier­ten sich die Bio-Pio­nie­re. Und dabei ging es ihnen durch­aus nicht nur dar­um, am Markt zu bestehen: Mehr Kun­den soll­ten für Bio gewon­nen wer­den, der Aus­bau von Pro­duk­ti­on und Pro­dukt­pa­let­te war der logi­sche Weg dahin. Klei­ne Fir­men, aus Idea­lis­mus gegrün­det, ent­wi­ckel­ten sich zu flo­rie­ren­den mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men. Rapun­zel bei­spiels­wei­se beschäf­tigt gegen­wär­tig etwa 400 Mit­ar­bei­ter und ist inter­na­tio­nal tätig. Von Kon­sum­ver­zicht war schnell kei­ne Rede mehr: Tief­kühl­piz­za, Back­mi­schun­gen, Gum­mi­bär­chen, Por­ridge im Becher, bio-vega­ne Cur­ry­wurst in der Scha­le für die Mikro­wel­le – so gut wie alles, was es im kon­ven­tio­nel­len Ein­zel­han­del gibt, ist inzwi­schen auch in den Rega­len der Bio-Märk­te zu fin­den. »Das bedien­te ja auch die Nach­fra­ge«, ver­tei­digt Kath­rin Jäckel vom BNN die­se Ent­wick­lung, die auch bran­chen­in­tern durch­aus immer wie­der hef­tig dis­ku­tiert wur­de. »Auch Con­ve­ni­en­ce-Kun­den woll­ten ger­ne Bio-Qualität.«

 

 

»Der Spi­rit lebt«

 

Jetzt tref­fen sich die ursprüng­li­chen Ideen der Bio-Pio­nie­re wie­der mit dem Zeit­geist, mit den ver­än­der­ten Ein­stel­lun­gen zum Ein­kau­fen und Besit­zen. »Der nach­hal­ti­ge Kon­sum, das ist doch das, wofür die Bios seit Jahr­zehn­ten gekämpft haben«, freut sich Jäckel über die gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lung. »Und der Spi­rit in der Bran­che lebt.« Glaub­wür­dig­keit ist und bleibt jeden­falls das Pfund, mit dem die Bio-Bran­che wuchern kann. Denn ver­ra­ten hat sie ihre Idea­le nie, höchs­tens viel­leicht hin und wie­der ein biss­chen ver­nach­läs­sigt. Doch der kon­se­quen­te öko­lo­gi­sche Anbau, die deut­lich stren­ge­ren Kri­te­ri­en bei den öko­lo­gi­schen Anbau­ver­bän­den im Ver­gleich zum EU-Bio­sie­gel zu Tier­hal­tung und Acker­bau, die inten­si­ve Qua­li­täts­ar­beit, die vie­len Pro­jek­te zum fai­ren Han­del, das sozia­le Mit­ein­an­der – all das hat »die Bios« immer von der kon­ven­tio­nel­len Land- und Lebens­mit­tel­wirt­schaft unter­schieden, eben­so wie der Anspruch, sich wei­ter ent­wi­ckeln und Lösun­gen auf die drän­gen­den Pro­ble­me der Zeit fin­den zu wollen.

 

Mit Bio Men­schen bewegen

 

Kli­ma­wan­del und der Arten­schwund, die­se The­men bewe­gen die Men­schen gegen­wär­tig mehr denn je. Das gilt nicht nur für die Ver­brau­cher, son­dern auch für die Unter­neh­mer: »Vie­le aus der Bio­bran­che sehen allei­ni­ges Wachs­tum nicht unbe­dingt als Muss und hin­ter­fra­gen wirt­schaft­li­che Zwän­ge mit Blick auf das Gemein­wohl«, beob­ach­tet Kath­rin Jäckel vom BNN. Statt auf Glo­ba­li­tät setzt so man­che Fir­ma heu­te ihre Schwer­punk­te bewusst auf Regio­na­li­tät und Sai­so­na­li­tät. Auch Ver­pa­ckun­gen sind ein wich­ti­ges The­ma: Vie­le Natur­kost­lä­den bie­ten inzwi­schen Unver­packt-Sta­tio­nen, an der Fleisch- und Käse­the­ke wer­den eige­ne Behält­nis­se befüllt. Über ein­heit­li­che  Mehr­weg­sys­te­me wird unter­neh­mens­über­grei­fend nach­ge­dacht. All das muss aber auch publik gemacht und offen­siv dar­ge­stellt wer­den, um alte Kun­den wei­ter zu über­zeu­gen und neue dazu zu gewin­nen, fin­det Dani­el Anthes. Der Trend­for­scher hält es auf jeden Fall für not­wen­dig, dass auf die der­zei­ti­ge Stim­mung reagiert wird: »Nach­hal­tig­keit und Über­kon­sum müs­sen the­ma­ti­siert wer­den, durch Kam­pa­gnen, Pro­duk­te oder Dienst­leis­tun­gen. Bio ist noch lan­ge kein Main­stream, da ist noch viel Luft nach oben.«

 

Denn so sinn­voll Ver­zicht und bewuss­te­res Kon­su­mie­ren ist: Es wäre auch ein gro­ßer Fort­schritt für den Kli­ma­schutz, wenn deut­lich mehr Men­schen ihre Ernäh­rung auf öko­lo­gisch ange­bau­te Lebens­mit­tel umstel­len. Und das eine schließt das ande­re ja nicht aus.

 

→ Bir­git Schumacher

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 86 — Früh­jahr 2020

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