Was für Bilder entstehen im Kopf, wenn wir an Bio denken? Für viele Menschen ist Bio synonym mit »klein« und »heile Welt«: Bauernhöfe, umgeben von grünen Weiden. Kühe, die sich gemütlich an saftigem Gras satt futtern, Hühner, die gackernd über den Hof laufen. Bienen, die im Garten zwischen Kräutern und Blüten summen, Milch und Obst, die direkt auf dem Hof zu Käse und Marmelade verarbeitet werden … Doch wie passt das mit den langen Bio-Regalen in Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Edeka zusammen? Die sollen schließlich gefüllt werden mit großen Mengen an Milch, Joghurt, Käse, Fleisch, Gemüse, Obst und Eiern. Um satte acht Prozent stieg der Umsatz 2025, und liegt mittlerweile bei 18,3 Milliarden Euro. Um diese Mengen an Bio-Lebensmitteln zu produzieren, braucht es auch große Bio-Unternehmen. Und nicht zuletzt: Hier geht es nicht nur um Nachfrage, sondern auch um den Schutz unserer Lebensgrundlagen: Jeder Hektar Bio mehr ist ein Hektar, der nicht mit Kunstdünger und Pestiziden traktiert wird, der so unmittelbar das Grundwasser schützt, auf dem keine genmanipulierten Pflanzen wachsen und auf dem Artenvielfalt gedeihen kann.
Bio-Landschaft in Deutschland ist vielfältig
Ein Blick in den Branchenreport des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) von 2025 zeigt: In der Tendenz werden Bio-Höfe tatsächlich eher größer als kleiner. »Während die Öko-Fläche der deutschen Bio-Verbände 2024 um 0,5 Prozent wuchs, sank die Zahl der Mitgliedsbetriebe um zwei Prozent. Das heißt konkret: Es kamen weniger neue Höfe dazu, während bestehende Höfe ihre Flächen erweiterten«, erklärt Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim BÖLW.
Ab wann ein Bio-Betrieb als klein oder groß gilt, dafür gibt es keine verbindliche Definition. Bei der Einschätzung kommt es eher auf das jeweilige Bundesland an: »Ein großer Betrieb in Bayern ist ein kleiner Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern. Die sehr großen Betriebe gerade in den neuen Bundesländern sind nicht familiengeführt. Die für Süddeutschland größeren Betriebe sind hingegen meistens genauso familiengeführt wie kleinere«, so Lang. Als grobe Orientierungswerte für die Landwirtschaft insgesamt nennt Lang einen Betrieb mit über 100 Hektar Anbaufläche als groß, auch wenn es diesbezüglich regionale Unterschiede gibt. Bei den Tieren spreche man von industrieller Haltung ab 40.000 Hennen, 2.000 Mastschweinen oder mehr als 500 Rindern. »Das sind Größenordnungen, die es bei Bio nur sehr selten gibt«, fügt Lang hinzu.
Bio bleibt Bio
Hier kommt die EU-Bio-Gesetzgebung ins Spiel: Seit 1991 garantiert sie, dass die Richtlinien für landwirtschaftliche Erzeugung und Tierhaltung verbindlich überall in Europa gelten — und zwar unabhängig von der Betriebsgröße. Bio bleibt also Bio: Egal, ob kleine Hofverarbeitung oder produzierendes Unternehmen mit Millionen-Umsatz; die Haltungsverordnungen gelten bei 15 Rindern genauso wie bei 1.500 Tieren.
Das kann Katrin Lauersdorf, Head of Sales und Marketing bei der ›Gläsernen Molkerei‹, bestätigen. 2001 gegründet handelt es sich um eine 100-prozentige Bio-Molkerei mit zwei Standorten in Deutschland. Die Molkerei wird von 75 Bio-Landwirt:innen mit insgesamt etwa 9.500 Kühen beliefert. 65 Millionen Liter Milch werden hier jedes Jahr zu etwa 30 Bio-Milchprodukten verarbeitet, darunter Joghurt, Buttermilch und Käse. Laut Lauersdorf sind zwei Drittel der Betriebe klassisch familiengeführt mit weniger als 100 Kühen, knapp 20 Prozent zählen zu den etwas größeren landwirtschaftlichen Betrieben mit jeweils mehr als 200 Kühen. Die Regeln sind aber für alle gleich: »Als Bio-Molkerei arbeiten wir ausschließlich mit zertifizierten Bio-Betrieben zusammen, die strenge Vorgaben zu Tierhaltung, Fütterung und Flächenbindung erfüllen. Diese Standards gelten unabhängig von der Produktionsmenge und sind fest in unseren Lieferbeziehungen verankert«, so Lauersdorf.
Gute Gründe für mehr Bio
Es sind Verarbeitungsbetriebe wie die Gläserne Molkerei und andere große Bio-Unternehmen, die dafür sorgen, dass Bio großflächig in allen Einkaufsstätten zur Verfügung steht — und so auch Menschen erreicht, die nicht in Hofläden oder Bio-Märkten einkaufen. »Ein Großteil der Bevölkerung wird über die großen Handelsunternehmen erreicht, nicht über Bio-Läden«, bestätigt Lang.
Und je mehr Menschen Bio konsumieren, desto besser für Tiere und Umwelt. Auch die Landwirtinnen und Landwirte profitieren, wenn Bio wächst: »Größere Bio-Betriebe und Molkereien sind für die Bio-Branche wichtig, weil sie Bio für viele Menschen zugänglich machen und verlässliche Absatzmärkte für Bio-Höfe schaffen. Durch langfristige Partnerschaften ermöglichen sie Planungssicherheit für Investitionen in Tierwohl und Nachhaltigkeit«, so Lauersdorf.
Jeder Hektar macht einen Unterschied
Gleiches gilt für den Anbau von Obst und Gemüse — je mehr Bio, desto besser. »Jeder Bio-Hektar ist ein Gewinn — wenn Bio-Betriebe sich in der Fläche erweitern, sind weitere Hektar gerettet«, so Lang. Und um Bio in die Breite zu bringen, braucht es neben kleinen also auch große Betriebe. Aber: »Die Grundlage bleibt die EU-Öko-Verordnung. Wer biologisch anbaut und die anspruchsvolle Verordnung damit erfüllt, leistet auf jeden Fall einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit. Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Dünger und chemische Spritzmittel macht einen großen Unterschied«, so Lang.
Bio weltweit
Bio im großen Maßstab: Dazu gehört auch der internationale Handel. Eigentlich logisch: Denn von Ananas bis Zimt: Vieles, was auch Bio-Konsument:innen schätzen, wächst nicht in Mitteleuropa. So stellt sich auch hier die Frage, wie sich ökologische Standards in globalen Lieferketten umsetzen lassen — und wie Bio auch international funktionieren kann, ohne seine Grundwerte zu verlieren.
Ein Bio-Beispiel dafür ist das österreichische Unternehmen Sonnentor. Die Bio-Gewürze und Tees von Sonnentor sind mittlerweile in rund 60 Ländern erhältlich. Um sie anbieten zu können, arbeitet das Unternehmen mit rund 1.000 Bio-Landwirt:innen weltweit zusammen. Ob die Partnerbetriebe die strengen Bio-Auflagen erfüllen, wird bei jährlichen Audits überprüft. »Sonnentor setzt ganz klar auf die Grundwerte, die die Ursprungs-Biobewegung mit sich bringt. Zusammenarbeit auf Augenhöhe, leben und leben lassen, ein respektvolles Miteinander und das Kreislaufdenken tragen uns in die Zukunft«, erklärt Sonnentor Geschäftsführerin Manuela Raidl-Zeller. »Agiert ein Unternehmen ökologisch, ökonomisch und sozial, spielt die Größe nur eine untergeordnete Rolle — wichtig ist, gesunde und nachhaltige Strukturen zu schaffen.«
Bleibt unverzichtbar: Bio im kleinen Maßstab
Neben den großen Verarbeitern, Molkereien und international tätigen Unternehmen bleiben die kleinen und mittleren Bio-Betriebe in Deutschland genauso wichtig. Als feste Bestandteile der Bio-Landschaft haben sie wichtige Funktionen im ländlichen Raum und sind wesentlich, um die direkte Beziehung zu Verbraucher:innen zu stärken. »Diese Bio-Betriebe sind oft Pioniere in den verschiedensten Themen wie Artenvielfalt, Tierwohl und Direktvermarktung. Sie vermitteln wertvolles Wissen an die Kundschaft, schaffen einmalige Produkte und erhalten Traditionen. Die kleinen Strukturen, die besondere, regionale Bio-Lebensmittel hervorbringen, sind elementar wichtig«, so Lang.
Sich von der Masse abheben
Zum Beispiel der Bio-Hof Böhne in Minden: Auf zwölf Hektar baut die Familie rund um Olaf Böhne saisonales, frisches Bio-Gemüse sowie Nackthafer an. Den Betrieb hat er 2018 von seinen Eltern geerbt, 2022 erfolgte die Bio-Zertifizierung. Dabei setzen die Böhnes bewusst auf schonende Feldbearbeitung, bei der Pferde zum Einsatz kommen. Die Erzeugnisse werden direkt vermarktet: Kund:innen können entweder im Hofladen einkaufen oder wöchentliche Bio-Gemüsekisten im Abo bestellen, die direkt nach Hause geliefert werden.
In seinem Arbeitsalltag erlebt Olaf Böhne sowohl die Vor- als auch die Nachteile eines kleinbäuerlichen Bio-Betriebs: »Die Kundenbindung funktioniert durch die Direktvermarktung sehr gut. Ich kann qualitativ hochwertige Produkte anbieten, was Kundinnen und Kunden aus der nahegelegenen Stadt zu schätzen wissen«, so Böhne. Gleichzeitig sei die Direktvermarktung auch mit viel Aufwand und Kosten für Werbung verbunden. Sein Tipp: »Man muss ein Produkt anbieten, was kein anderer hat. Bei uns sind das die frischen Haferflocken«, so Böhne.
Bio ist immer ein Gewinn
Bio kann also beides sein: klein und familiär oder groß und hochskaliert. Während kleinbäuerliche Strukturen für den Erhalt von ländlicher Infrastruktur und handwerklich hergestellt, regionale Lebensmittel sorgen, bringen die großen Betriebe Bio in die breite Masse. »Wir sind für ein Miteinander«, sagt Lang. »Kleine Betriebe müssen tatsächlich viel leisten, weil sie ihre Nische finden und selbst gestalten müssen. Gleichzeitig sind größere Bio-Unternehmen und Zusammenschlüsse wichtig, um diese Produkte in die Strukturen des Lebensmittelhandels zu bringen.«
Doch eines gilt für alle: Bio ist immer ein Gewinn — für Tiere, Umwelt und selbstverständlich auch die Verbraucherinnen und Verbraucher. »Bio ist kein Größenmerkmal, sondern ein Qualitätsversprechen: Entscheidend sind die verbindlichen Standards für Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie transparente Kontrollen«, fasst es Lauersdorf von der Gläsernen Molkerei zusammen. »Auch größere Betriebe und Verarbeiter können Bio sein, wenn sie diese Standards konsequent einhalten und leben.«
→ Katrin Brahner



