Das Magazin für
Kopf und Bauch

Das Magazin für
Kopf und Bauch

Bioboom-94-Vor-Ort-Titelbild

Kicher­erb­sen aus Sach­sen-Anhalt
Die Spei­sen der Zukunft

In Sachsen-Anhalt werden im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts klimaresiliente Kulturpflanzen angebaut: ­Kichererbsen, ­Quinoa und Hanf könnten zukünftig öfter auf dem Speiseplan stehen. Doch wie ­gelingt der Weg vom Feld auf den Teller?
Bioboom Vor Ort bei Zukunftsspeisen
Bioboom Vor Ort bei Zukunftsspeisen

Siehe auch:

Siehe auch:

— Die kräf­ti­gen Hän­de fah­ren sanft durch die hell­gel­ben Hanf­sa­men. Bio-Land­wirt Jonas Schul­ze Nie­hoff lässt die Samen auf den meh­re­re Meter lan­gen Hau­fen rie­seln, der auf­ge­schüt­tet in einer dunk­len Hal­le liegt. »Das ist unse­re Hanf-Ern­te von die­sem Jahr«, sagt er und geht zum benach­bar­ten Hau­fen, »und das ist unser Qui­noa«. Er greift in die Samen der ursprüng­lich in den Anden behei­ma­te­ten Pflan­ze. »Der muss noch gerei­nigt wer­den. Nur die hel­len Kör­ner sind Qui­noa.« Wirt­schaft­lich macht der Anbau von Qui­noa momen­tan für ihn noch wenig Sinn. Er nimmt auch nur einen gerin­gen Teil der gut 400 Hekt­ar gro­ßen Anbau­flä­che des Land­wirts ein. »Aber ich möch­te die Kul­tur ken­nen­ler­nen und ver­ste­hen, um dann viel­leicht doch irgend­wann mehr ern­ten zu kön­nen.« Frei­wil­li­ge For­scher­ar­beit nennt er das. Deut­lich mehr Erfolg hat­te der 41-jäh­ri­ge Land­wirt mit Kicher­erb­sen. Die Pflan­ze, die sonst vor allem in Indi­en und der Tür­kei ange­baut wird, wächst in der Mag­de­bur­ger Bör­de erstaun­lich gut.

 

Super­food aus der Mag­de­bur­ger Börde

 

Ein Team der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Halle/Wittenberg beglei­tet den Bio-Land­wirt beim Anbau von Kicher­erb­sen, Qui­noa und Hanf. Die Zusam­men­ar­beit begann vor drei Jah­ren. Damals frag­te ihn die Agrar- und Umwelt­wis­sen­schaft­le­rin Urte Grau­win­kel, ob er bei dem Pro­jekt »Zukunfts­spei­sen – Super­food aus Sach­sen-Anhalt« mit­ma­chen will. Das Pro­jekt ist ein euro­päi­sches Inno­va­ti­ons­part­ner­schafts­pro­jekt, das aus EU-Gel­dern finan­ziert wird. Die Visi­on: Gesun­des zukunfts­fä­hi­ges Essen aus nach­hal­ti­ger und regio­na­ler Land­wirt­schaft erzeu­gen. Das Pro­jekt beglei­tet drei Land­wirt­schafts­be­trie­be und zwei Gärt­ne­rei­en, die kli­ma­freund­li­che Agrar­prak­ti­ken erpro­ben und umset­zen. Auf ihren Äckern wach­sen inno­va­ti­ve Kul­tur­pflan­zen, soge­nann­te Super­foods, die eine hohe Kon­zen­tra­ti­on an gesund­heits­för­dern­den Inhalts­stof­fen auf­wei­sen. Eini­ge der Pflan­zen sind über die letz­ten Jahr­zehn­te in Ver­ges­sen­heit gera­ten, ande­re waren bis­lang vor allem in den Tro­cken­re­gio­nen die­ser Welt behei­ma­tet. In Zei­ten des Kli­ma­wan­dels könn­ten sie nun hier­zu­lan­de neue Ernäh­rungs­per­spek­ti­ven eröffnen.

 

Zucker­rü­ben loh­nen sich nicht mehr

 

Lan­ge Hit­ze­pe­ri­oden, gerin­ge Nie­der­schlä­ge und Extrem­wet­ter­er­eig­nis­se machen auch den Landwirt:innen in Deutsch­land zu schaf­fen. Sach­sen-Anhalt ist hier­zu­lan­de trau­ri­ger Spit­zen­rei­ter: In kei­nem ande­ren Bun­des­land gab es 2021 weni­ger Nie­der­schlä­ge. Das Pro­blem ist nicht neu, aber es wächst und erschwert die Arbeit zuse­hends. »Im Jahr 2008 haben wir zum ers­ten Mal Hafer Ende März gesät und nicht erst im April, damit er über­haupt Wur­zel­werk ent­wi­ckeln kann, bevor das Was­ser weg ist«, sagt Jonas Schul­ze Nie­hoff, »mitt­ler­wei­le sähen wir ihn sogar Anfang März.« Kata­stro­pha­le Fol­gen brach­ten die Dür­re­jah­re 2017 und 2018 mit sich.

 

Sie haben die Was­ser­vor­rä­te der Böden noch wei­ter geschröpft. »Und im dar­auf­fol­gen­den Jahr war der Mai so heiß, dass vie­le Pflan­zen trotz aus­rei­chen­der Nie­der­schlä­ge ver­trock­net sind«, erin­nert sich Jonas Schul­ze Nie­hoff. Die Fol­gen sind weit­rei­chend. Das feh­len­de Was­ser wird immer mehr zum begren­zen­den Fak­tor. »Die Zucker­rü­be habe ich auf­grund des Was­ser­man­gels auf­ge­ge­ben. Ihr Anbau lohnt sich ein­fach nicht mehr.« Für Inno­va­tio­nen auf dem Feld ist Deutsch­land bis­lang nicht bekannt. Das könn­te sich bald ändern. »Die Anbau­be­din­gun­gen in Mit­tel­eu­ro­pa wer­den sich ver­än­dern«, sagt der Land­wirt, »des­we­gen müs­sen wir offen für Neu­es sein.«

 
 

Bioboom vor Ort bei Jonas Bio-Bauer Schulze-Niehoff

 
 

Kicher­erb­sen funktionieren

 

Die Kicher­erb­se ist für Jonas Schul­ze Nie­hoff so eine Pflan­ze, die auf deut­schen Äckern Zukunft hat. Er war in Deutsch­land der ers­te Bio-Land­wirt, der sich an der Kicher­erb­se pro­bier­te. Ledig­lich ein kon­ven­tio­nel­ler Land­wirt hat­te bereits vor ihm mit dem Anbau begon­nen. »Der Kauf des Saat­gu­tes war am Anfang die größ­te Hür­de«, erin­nert sich Jonas Schul­ze Nie­hoff. Nach lan­ger Suche ver­mit­tel­te ihm eine ita­lie­ni­sche Erzeu­ger­ge­mein­schaft das benö­tig­te Saat­gut. »Im ers­ten Jahr haben wir nicht mal einen Hekt­ar ange­baut. Danach haben wir uns von Jahr zu Jahr gestei­gert. In die­sem Jahr wer­den es wohl über 50 Hekt­ar sein.« Neben zahl­rei­chen Unver­packt-Läden in der Repu­blik ver­kauft er sei­ne Kicher­erb­sen auch an das Ber­li­ner Unter­neh­men »Kofu«. Es stellt Kicher­erb­sen-Tofu her und ver­treibt ihn in zahl­rei­che euro­päi­sche Län­der. Damit setzt der Land­wirt schon eines der Zie­le um, das sich das Pro­jekt Zukunfts­spei­sen gesetzt hat: Die ange­bau­ten Lebens­mit­tel auf die Tel­ler bringen.

 

Vom Feld auf den Teller

 

Gemein­sam mit zwei Kol­le­gin­nen sitzt Urte Grau­win­kel an einem bunt gedeck­ten Tisch und schnei­det sich ein Stück vom Kicher­erb­sen-Ome­lett ab. »Wir wol­len den Fokus nicht auf Land­wirt­schaft oder Ernäh­rung legen, son­dern auf das Inter­disziplinäre – vom Feld bis auf den T­eller«, sagt die Pro­jekt­lei­te­rin. Ihr Ziel: Regio­na­le Lebens­mit­tel ent­wi­ckeln, die auf dem Markt bestehen kön­nen. Dafür stellt das Pro­jekt Pilot­le­bens­mit­tel her: Spei­sen der Zukunft. »Wir müss­ten eigent­lich sofort in Groß­kü­chen auf pflanz­li­che Lebens­mit­tel umstel­len«, sagt Urte Grau­win­kel, »das müss­te Pflicht sein«. Doch die Wis­sen­schaft­le­rin weiß, dass der Wan­del nicht von heu­te auf mor­gen gelin­gen kann. Das Wort »vegan« ver­mei­det sie, zu groß sei­en die Vor­ur­tei­le. Pflan­zen­ba­siert klin­ge bes­ser und schre­cke die Men­schen nicht ab. »Aber wir müs­sen ins Han­deln kom­men. Ich habe kei­ne Tor­schluss­pa­nik, aber ich habe schon so viel gemacht und mer­ke, uns läuft die Zeit davon.«

 
 

Vielfalt Kichererbse: Zu Tisch bei Zukunftsspeisen

 
 

Mit am Tisch sit­zen die Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin Lene Froh­nert und Ricar­da Gold, die ihren Bache­lor im Stu­di­en­gang »Manage­ment natür­li­cher Res­sour­cen« absol­viert hat. Gemein­sam brin­gen sie das Pro­jekt vor­an, beglei­ten Stu­die­ren­de auf die Äcker, in die Labo­re oder Küchen. Heu­te steht Lene Froh­nert am Herd und backt Kicher­erb­sen-Ome­letts. Für die gelb­li­che Far­be sorgt Kur­ku­ma, für die Kon­sis­tenz Back­pul­ver und für die rich­ti­ge Wür­ze Ore­ga­no und Papri­ka­pul­ver. »Der Trick ist jedoch das Schwe­fel­salz. Das Salz gibt den Eier­ge­schmack«, sagt die Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin und wen­det gekonnt das Ome­lett, »und das Genia­le an der Kicher­erb­se ist, dass sie pro­te­in­reich ist«, also bes­tens geeig­net für eine pflanz­li­che Ernäh­rung. Neben den Kicher­erb­sen-Ome­letts ste­hen heu­te auch soge­nann­te »Kicher­kek­se« und drei ver­schie­de­ne Humus­sor­ten auf dem Tisch, dar­un­ter ein Glas mit Scho­ko­hu­mus, das sich schnell leert.

 

Wer­ben mit Pilotprodukten

 

Urte Grau­win­kel blickt auf ihre selbst geba­cke­nen Kicher­erb­sen-Maca­rons und beißt hin­ein. »Der Geschmack ist super, aber sie zer­fal­len lei­der zu schnell. Da muss ich noch­mal ran.« Die Gerich­te, die sie momen­tan ent­wi­ckeln, sol­len schon bald in Groß­kü­chen zube­rei­tet wer­den. Für ihre Lebens­mit­tel wer­ben sie auf Märk­ten und in Minis­te­ri­en, spre­chen mit Köch:innen und her­stel­len­den Unter­neh­men. Die drei Wis­sen­schaft­le­rin­nen suchen nach neu­en Han­dels­we­gen und Ver­mark­tungs­stra­te­gien. »Kicher­erb­sen in die Küchen zu brin­gen, ist nicht schwer. Das Pro­blem sind die hie­si­gen Kicher­erb­sen«, sagt Urte Grau­win­kel. Oft sei es güns­ti­ger, sie aus der Tür­kei oder Ita­li­en zu impor­tie­ren. »Wir wol­len sie aber lokal anbau­en und verarbeiten.«

 

Pflan­zen­ba­sier­te Zukunftsspeisen

 

Die Erfol­ge der Kicher­erb­sen von Land­wirt Schul­ze Nie­hoff aus der Mag­de­bur­ger Bör­de beflü­geln das Team. Doch noch ist das Ziel weit ent­fernt. Vie­le Küchen zeig­ten sich zwar inter­es­siert und das Feed­back bei Ver­kos­tun­gen sei oft posi­tiv, doch der gro­ße Coup blieb bis­lang aus. »Für die Groß­kü­chen geht es um Zeit und Geld. Die Pro­duk­te, die wir anbie­ten, müs­sen daher schnell und ein­fach auf die Tel­ler gebracht wer­den«, sagt Urte Grau­win­kel. An Ideen man­gelt es den drei Frau­en nicht. Auch die nöti­ge Ener­gie brin­gen sie mit. Nun müs­sen sie nur noch die Ent­schei­dungs­trä­ger für ihre Pro­duk­te und Zube­rei­tungs­ideen erwärmen.

 

Auch bei Land­wirt Jonas Schul­ze Nie­hoff hat es eine Wei­le gedau­ert bis er mit den Kicher­erb­sen rich­tig durch­ge­star­tet ist. Mit einem kräf­ti­gen Ruck öff­net er einen sei­ner wei­ßen Kühl­con­tai­ner, die auf dem Hof ste­hen. Dar­in lie­gen meh­re­re Palet­ten mit auf­be­rei­te­ten Bio­land-Kicher­erb­sen, ver­packt in wei­ßen 25 kg-Säcken, auf denen das Kon­ter­fei des Land­wirts prangt. Am Anfang sei die Ver­mark­tung schwie­rig gewe­sen, der Groß­han­del wink­te ab. »Erst als ich dem Pro­dukt eine eige­ne Mar­ke gab, woll­ten sie es plötz­lich alle haben«, sagt er und lacht, »jetzt bekom­men sie es aber nur noch mit mei­nem eige­nen Kopf drauf.« Auch er hat bereits eine ers­te Idee für ein fer­tig ver­ar­bei­te­tes Kicher­erb­sen-Pro­dukt. Sei­ne drei Kin­der haben es getes­tet und für gut befun­den. Wenn er einen Pro­du­zen­ten fän­de und die Ver­mark­tung ankur­bel­te, könn­te es ein Erfolg wer­den, davon ist der Fami­li­en­va­ter überzeugt.

 

 

Neuling auf deutschen Äckern – die Kichererbse

 

 

Kli­ma­re­si­li­enz von Böden fördern

 

Doch auch in die­sem Jahr gibt es auf sei­nen Äckern genug zu tun. Er muss sich um gut ein Dut­zend ver­schie­de­ne Kul­tu­ren küm­mern. Dazu kommt der Mehr­auf­wand durch die wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung. Par­zel­len wol­len ange­legt, Hanf, Qui­noa und Kicher­erb­sen gesät und kli­ma­freund­li­che, bodenscho­nen­de Agrar­prak­ti­ken erprobt wer­den. »Ich weiß nicht, ob die Hit­ze nur ein vor­über­ge­hen­der Effekt ist oder nur die Tro­cken­heit bleibt«, sagt Jonas Schul­ze Nie­hoff, »aber wir brau­chen lang­fris­tig Kul­tu­ren, die uns Pro­te­ine lie­fern, damit wir auch in Zukunft zuver­läs­sig qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Lebens­mit­tel pro­du­zie­ren können.«

 

→ Kris­tin Kas­ten | Fotos: Zukunfts­spei­sen, Jonas Schul­ze-Nie­hoff und Kris­tin Kasten

 


 

Zur Web­site von Jonas Schulze-Niehoff

Zur Web­site von Zukunftsspeisen

 


 

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 94 — Früh­jahr 2022

Bioboom Frühjahresausgabe Cover Nr. 94

 

Weiterlesen

Das könnte dir auch gefallen
Die Rebenretter vom Bio-Weingut Sander im Portrait
Vor Ort

Bio–Mehrwertmacher Wein­gut San­der
Die Reben­ret­ter

Bio-Win­zer Ste­fan San­der leis­tet einen zutiefst per­sön­li­chen ­Bei­trag zum The­ma Bio-Diver­si­tät: Er ist Reben­ret­ter. In sei­nen Wein­ber­gen in Met­ten­heim baut er his­to­ri­sche Reb­sor­ten an. Neben­ef­fekt ist eine Zeit­rei­se für Wein­ken­ner: Aus der Ern­te ent­ste­hen Wei­ne, deren Vor­gän­ger­ver­sio­nen schon Goe­the und Schil­ler genos­sen haben könnten. 

Bioboom Hintergrund Titelbild Bio-Landwirtschaft im Klimawandel
Hintergrund

Land­wirt­schaft im Kli­ma­wan­del
Mit Bio bes­ser aufgestellt

Hir­se und Soja statt Wei­zen und Mais? Ven­ti­la­to­ren und Was­ser­ver­ne­be­lungs­dü­sen im Stall? Auch in Deutsch­land muss sich die Land­wirt­schaft an das sich ändern­de Kli­ma anpas­sen. Bio-Betrie­be sind grund­sätz­lich bes­ser gerüs­tet, um mit Wet­ter­ex­tre­men klar­zu­kom­men. Auch im öko­lo­gi­schen Land­bau gibt es Handlungsbedarf.