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Nägel mit Köpfchen

Natur und Nagel­lack – geht das zusammen?

Ob Selbstbräuner oder Lash Serum: Im Naturkosmetik-Sortiment gibt es mittlerweile fast nichts mehr, was es nicht gibt. Nur bei einem Produkt stießen die Naturkosmetik-Entwickler:innen fast an ihre Grenzen: Nagellack. Dabei sind gerade hier natürliche(re) Alternativen dringend wünschenswert. Die gute Nachricht: Es gibt sie.
Bioboom Ausgabe 91 – Nagellack
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Vom Auto- zum Nagellack

 

Schnell trock­nen soll er. Lan­ge hal­ten, nicht gleich absplit­tern, auch beim all­täg­li­chen Zupa­cken, Tip­pen und Co. Von natur über pink bis zu schwarz wün­schen wir uns alle erdenk­li­chen Far­ben. Wün­sche, die die kon­ven­tio­nel­le Kos­me­tik­in­dus­trie pro­blem­los erfül­len kann – gan­ze Dis­plays wer­den gefüllt mit Mode­far­ben der Sai­son, vom High-End-Pro­dukt bis zum Tee­nie-Taschen­geld­fläsch­chen. Aller­dings: Um alle die­se Ansprü­che zu erfül­len, steckt in den Fläsch­chen auch jede Men­ge »har­te« Che­mie. Wuss­tet Ihr, dass der Ursprung des Nagel­lacks im Auto­lack liegt? Für die ers­ten Nagel­la­cke, die in den 1920er Jah­ren auf den Markt kamen, über­nahm man ein­fach die in der Auto-Indus­trie ent­wi­ckel­ten Nut­zung von Pig­men­ten für Lacke. Bis heu­te ste­cken in den bun­ten Fläsch­chen jede Men­ge Inhalts­stof­fe, die poten­zi­ell gesund­heits­schäd­lich sein kön­nen. Doch ein mensch­li­cher Nagel ist eben kein Metall, son­dern durch­läs­sig. Und jeder, der schon mal Nagel­lack gero­chen hat, kann sich vor­stel­len, dass das Ein­at­men der Dämp­fe beim Lackie­ren auch nicht ganz ohne ist.

 

Lösungs­mit­tel, Weich­ma­cher, Nitrosamine

 

Die Rei­he der syn­the­ti­schen Inhalts­stof­fe ist lang: Da hät­ten wir Lösungs­mit­tel wie Toluol oder Sty­rol, die dafür sor­gen, dass der Lack fließt, Weich­ma­cher wie Dibu­tyl­phtha­lat und Stof­fe, die zur Här­tung bei­tra­gen sol­len (klingt para­dox, ist aber so). Da die Lacke in durch­sich­ti­gen Glas­fläsch­chen ste­cken, müs­sen die Farb­pig­men­te vor UV-Licht geschützt wer­den. Die­sen Job über­neh­men Ben­zo­phe­none und wei­te­re umstrit­te­ne Licht­schutz­fil­ter wie Octocrylen. Wei­te­re Pro­blem­stof­fe, die in Nagel­la­cken eigent­lich nicht vor­kom­men soll­ten, es aber den­noch öfter tun, sind Nitros­ami­ne. Die gel­ten als krebs­er­re­gend und dür­fen nach den Vor­ga­ben der EU-Kos­me­tik­ver­ord­nung in Pro­duk­ten nicht ent­hal­ten sein, bezie­hungs­wei­se ledig­lich in Men­gen, die tech­nisch nicht ver­meid­bar und gesund­heit­lich unbe­denk­lich sind. Wie die Nitros­ami­ne in die Nagel­la­cke kom­men, ist noch nicht abschlie­ßend geklärt. Unter Ver­dacht steht die häu­fig ent­hal­te­ne Nitro­cel­lu­lo­se. 2018 fand das Ver­brau­cher­ma­ga­zin Öko­Test in vier von 23 getes­te­ten Nagel­la­cken Nitros­ami­ne in nen­nens­wer­ten Mengen.

 

Es geht auch anders

 

Bleibt die Fra­ge: Geht das auch natür­lich – oder wenigs­tens weni­ger gif­tig? Tat­säch­lich gibt es mitt­ler­wei­le Nagel­la­cke, die auf bestimm­te Pro­blem­stof­fe ver­zich­ten. Das Schlüs­sel­wort ist »free«. Je nach­dem, ob es sich um 3‑Free, 7‑Free oder gar 10-Free-Lacke han­delt, ver­zich­tet der/die Hersteller:in auf die ent­spre­chen­de Zahl von Inhalts­stof­fen. Häu­fig kommt ein 3‑Free-Lack ohne Form­alde­hyd, Toluol und Dibu­tyl­phtha­la­te aus, 5‑Free zusätz­lich ohne Form­alde­hyd-Harz und Cam­pher, 7‑Free steht oft für tie­ri­sche Bestand­tei­le und Tier­ver­su­che und 10-Free für Para­be­ne, Duft­stof­fe und Xyle­ne. Wich­tig zu wis­sen: Auf wel­che Inhalts­stof­fe jeweils ver­zich­tet wird, das bestimmt das Unter­neh­men selbst, der Begriff ist nicht gere­gelt. Ihr müsst also trotz­dem sel­ber noch ein­mal genau hin­schau­en. Und dann stellt sich – natür­lich – die nächs­te Fra­ge: Wie sieht es aus mit Natur­kos­me­tik und Nagel­lack? Ihr ahnt es schon: Das The­ma ist nicht ganz ein­fach. Aber die Naturkosmetik-Macher:innen stel­len sich der Her­aus­for­de­rung und haben dabei unter­schied­li­che Wege gefunden.

 

Die Puris­ten

 

Pro­vi­da bie­tet einen Nagel­lack, der auf natur­rei­nem Schel­lack und Ben­zoeharz basiert, die in Deme­ter-Bio-Alko­hol gelöst sind. Auf Basis des Klar­lacks wur­den auch far­bi­ge Lacke mit Mine­ral­pig­men­ten ent­wi­ckelt. Die Pro­duk­te sind Deme­ter-zer­ti­fi­ziert (das heißt, dass die pflanz­li­chen Bestand­tei­le aus Deme­ter-Anbau stam­men) und tier­ver­suchs­frei. Da das Pro­dukt Schel­lack ent­hält, ist es nicht vegan und es trägt kei­nes der klas­si­schen Natur­kos­me­tik-Sie­gel wie NaTrue oder Cos­mos Orga­nic. Vor dem Auf­tra­gen gilt es, gründ­lich zu schüt­teln. Da die Farb­la­cke matt sind, emp­fiehlt Pro­vi­da, eine Schicht des farb­lo­sen Lacks dar­über auf­zu­tra­gen, wenn Glanz gewünscht ist.

 

 

 

 

Natürlich(er) und vegan

 

Einen ande­ren Weg geht Benecos: Die Hap­py Nails beau­ty & care Nagel­la­cke in 20 Nuan­cen über­zeu­gen laut Her­stel­ler durch gute Tro­cken­zeit, einen bril­lan­ten Glanz und pfle­gen mit Avo­ca­do und Bio­tin. Der Anwen­dungs­kom­fort und die Lack­ei­gen­schaf­ten sei­en ver­gleich­bar mit jedem ande­ren Nagel­lack. Aller­dings: Natur­kos­me­tik-zer­ti­fi­ziert sind die Lacke nicht, wohl aber 8‑Free, was hier kon­kret heißt: Sie sind frei von Tri­phe­nyl Phos­pha­ten, Toluol, Kolo­pho­ni­um, Cam­pher, Phtha­la­ten, Para­be­nen, Sili­ko­nen und halo­gen­or­ga­ni­schen Ver­bin­dun­gen. Und: Die Benecos-Lacke sind vegan.

 

Klei­ne Fläsch­chen, gro­ße Auswahl

 

Vegan und cru­el­ty-free sind auch die Nagel­la­cke von Kia Char­lot­ta: Die Aus­lo­bung 15-free steht für den Ver­zicht auf Phtha­la­te, Diethyl­he­xyl­phtha­lat (DEHP), Toluol, Xylol, Cam­pher, Form­alde­hyd, Form­alde­hyd­harz, Ethyl­to­syl­ami­de, Styrene/Acrylates Copo­ly­mer, Tri­phe­nyl­p­hos­phat, Kolo­pho­ni­um, halo­gen­or­ga­ni­sche Ver­bin­dun­gen (AOX), Para­be­ne, Sili­kon, Duft­stof­fe und tie­ri­sche Inhalts­stof­fe. Die Fläsch­chen sind bewusst klein, damit sie mög­lichst voll­stän­dig auf­ge­braucht wer­den. Mit mehr als 40 Far­ben plus Base- und Top­coat bie­tet die Mar­ke eine umfang­rei­che Auswahl.

 

Zer­ti­fi­zier­te Naturkosmetik

 

Den nach eige­ner Aus­kunft ers­ten und ein­zi­gen Natur­kos­me­tik-zer­ti­fi­zier­ten Nagel­lack bie­tet Natur­kos­me­tik-Pio­nier Logo­na: Er basiert auf Bio-Alko­hol, Schel­lack und Farb­pig­men­ten. Die fünf Farb­nu­an­cen plus ein Top­coat sind nicht vegan (wg. Schel­lack), wohl aber mit NaTrue und Cosmos/BDIH gleich dop­pelt zertifiziert.

 

Mit oder ohne Tier?

 

Die bei­den zer­ti­fi­zier­ten Nagel­lack­sor­ti­men­te von Logo­na und Pro­vi­da sind bei­de nicht vegan. Die Zutat Schel­lack wird aus den Aus­schei­dun­gen der Lack­schild­laus gewon­nen. Vor der Erfin­dung syn­the­ti­scher Kunst­stof­fe wur­de Schel­lack inten­siv genutzt. Also: Eine natür­li­che Alter­na­ti­ve, aber eben nicht vegan. Die Nagel­la­cke von Benecos und Kia Char­lot­ta sind vegan, aber nicht ganz so natürlich.

 

Unten­drun­ter, oben­drü­ber, wie­der weg

 

Ein Base­coat sorgt dafür, dass der Lack per­fekt hält und der Nagel nicht ver­färbt wird. Zwei Schich­ten Lack für inten­si­ve Far­be und oben­drü­ber ein Top-Coat für Schutz und Glanz. Trotz­dem: Irgend­wann muss das Gan­ze wie­der run­ter. Und auch beim Nagel­lack­ent­fer­ner lohnt es sich genau hin­zu­schau­en. In kon­ven­tio­nel­len Nagel­lack­ent­fer­nern kommt häu­fig das Löse­mit­tel Ace­ton zum Ein­satz. Sein Nach­teil: Es ent­zieht den Nägeln Fett und kann sie porö­ser machen. Die Nagel­lack­ent­fer­ner von Pro­vi­da und Benecos basie­ren auf Alko­hol und äthe­ri­schen Ölen, Logo­na setzt ledig­lich auf Alko­hol und Rizi­nus­öl. Bei Kia Char­lot­ta kommt als Löse­mit­tel Ethyl­lac­tat zum Ein­satz, eben­falls gepaart mit äthe­ri­schen und pflanz­li­chen Ölen.

 

Kon­se­quen­te Natür­lich­keit oder vegan? Fes­te Lieb­lings­far­be oder bun­te Aus­wahl? Wel­ches der rich­ti­ge Nagel­lack ist, das muss jede:r Nutzer:in nach den eige­nen Prio­ri­tä­ten ent­schei­den. Alter­na­ti­ven zu kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­ten gibt es jeden­falls genug.

 

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 91 — Som­mer 2021

 

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