Kein Schwein nimmt von ihm Kenntnis, als der Mann in lange Stiefel schlüpft und sich den Sauen nähert. Einige stupsen sanft ihre Nasen aneinander, andere jagen einander. Man ist beschäftigt. Kaut an Beißblöcken aus Hartplastik oder traktiert mit den Hauern Kanthölzer. Steuert einen mit Gitterstäben bestückten Raufen an, um an Kleegrassilage zu ziehen. Oder räkelt sich einfach im Stroh. Die Sonne kriecht hinterm Rücken des Mannes über die Hügel Wohratals, einem mittelhessischen Flecken wie eine Insel mit den Aufwallungen vom Süden her und den Lehmverwehungen an den Nordhängen aus der Rheinebene. Frühling wird es. Aber noch trägt der Wind kühlen Grimm.
Der Mann lässt die vier Ställe mit je knapp 280 Schweinen rechts liegen, er stapft in einen Nebenbau und legt dort die Futtermischung des Tages fest — Gerste, Weizen und Roggen, Bohnen, Erbsen und Sojabohnen — Peter Müller, 33, Bauer, tippt auf eine grüne Taste, und ein Rauschen zieht durch die metallenen Rohre am Boden. In ihnen schieben Förderschnecken die eigene Ernte zur Mühle Typ Rako; ihr Motor stottert los.
1.100 Mastplätze für Schweine, 180 Hühner, zwölf Mutterkühe und vier Katzen leben auf dem Lettches-Hof, »schon immer in Familienhand«, lächelt Müller. Jedenfalls ist die ehemalige Scheune am Wohnhaus in Langendorf, einem Ortsteil von Wohratal, von 1742. In ihr gaben sich mehrere Generationen die Hand, während der Stall hier, einen Kilometer entfernt, in seiner jetzigen umgebauten Form seit 2018 dasteht: Nach den Standards der EU-Öko-Verordnung mit viel Frischluft und Platz, damit die Schweine mal durchstarten können, wenn sie wollen. Das heißt: Mindestens 1,3 Quadratmeter pro ausgewachsenem Schwein im Innenbereich des Stalles und nochmal einen Quadratmeter dazu im Außenbereich. Der Mühlenmotor röhrt nun, aber vom Stall draußen her dringt ein kurzer Schrei, »da wurde wohl zu viel geneckt«, sagt Müller. Und ja, da sprintet ein Tier mit ungefähr 15 km/h davon. »Die haben halt Allradantrieb.«
Dieses Stall-Setting braucht nicht nur einen gewissen Platz, sondern auch angepasste Pflege. Der Arbeitsaufwand für den Betrieb ist höher als in konventioneller Haltung — und sinnvoll; dies sahen auch Politiker im 450 Kilometer nordöstlich entfernten Berlin so. Müller streift Getreidestaub von seiner schwarzen Arbeitshose. 2019 hatte er seinen Stall in der Hauptstadt vorgestellt, bei einer Nachhaltigkeitskonferenz mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. »Er wurde von allen gelobt, als Zukunftsmodell.«
Die ein paar Monate später gegründete sogenannte Borchert-Kommission erar-beitete dann einen Masterplan für mehr Tierwohl in der Haltung, mittels einer investiven Förderung für Stallumbauten sowie einer Mehrkostenförderung für den laufenden Betrieb. Klöckners Nachfolger Cem Özdemir setzte dies schließlich 2024 um, und zwar mit dem Bundesprogramm Tierhaltung (BUT). Eine Milliarde Euro wurde dafür bis 2031 zur Verfügung gestellt, was 130 Millionen Euro an möglicher Förderung im Jahr bedeutet. Doch im vergangenen September kam plötzlich das vorzeitige Aus: Vom BUT sei nicht die »erhoffte Signalwirkung« ausgegangen, wie es in einer Pressemitteilung des Bundesministeriums heißt. Nun lege man den Fokus auf wirklich wichtige Investitionen. Ferner wurde ein »effizienter Einsatz von Haushaltsmitteln« angekündigt und Ressortchef Alois Rainer mit den Worten zitiert: »Placebo-Programme helfen unseren Landwirtinnen und Landwirten nicht weiter.«
Wenn Bundespolitik auf die Kompetenz der Länder setzt, wie in diesem Fall, wenn von Effizienz und sogenannt wirklich Wichtigem gesprochen wird, sind nicht selten Kürzungen gemeint.
Müller geht raus, zurück zum Stall. Dort stehen die Tiere schon in Reih und Glied an den Trögen — sie erahnen bereits das Futter aus der Mühle; tatsächlich legt Müller einen Hebel um, und die Getreidemischung fließt heran. Der Landwirt schnappt sich eine Forke und stapft in den Stall, schiebt hier und da Stroh beiseite. Viel zu tun hat er nicht, die Tiere koten seitlich ab, halten ihr Wohnzimmer sauber. »Das BUT nun plötzlich an die Wand zu fahren, ist fahrlässig«, sagt er. Und: »Das ist eine verpasste Chance.« Das Ministerium begründet den Schritt mit der geringen Anzahl von Anträgen. Bis Herbst 2025 wurden auf investive Förderung 271 Anträge gestellt, im Bereich der konsumtiven Förderungen belief sich die Zahl der Anträge auf Zuwendung auf 413. »Ja, es waren bisher wenige«, sagt Müller, »aber sowas braucht Zeit — diese Anträge stellt man nicht von heute auf morgen«. Er hatte eine Förderung für die Mehrkosten seines bereits fertiggestellten Stalles erhalten — und sie sollte bis 2031 laufen. Jetzt sei damit Ende 2027 Schluss. »Wir haben mit dem Geld fest kalkuliert.«
Müller schaut mit seiner dünnen Hornbrille wie ein geduldiger junger Lehrer, doch nun zieht eine Härte übers Gesicht. »Was soll das alles? Wenn man nicht einmal mit bewilligtem Geld rechnen kann?« Landwirtschaft, schiebt er hinterher, würde in Generationen wirtschaften, nicht in Legislaturen. Auf dem Weg zurück zum Hof im Fachwerkdorf schwebt sein blauer Ford Ranger entlang sanfter Wiesen, die wie Wellen auf und ab steigen. 700.000 Euro hatte er in den Umbau des Stalles gesteckt, das war noch vor dem BUT. 30 Prozent davon übernahm das Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP). Aber die Kosten stiegen seitdem. Diesel, Ersatzteile, Reparaturen — alles teurer.
Am Mittagstisch wird auch erstmal die allgemeine Lage mit Stirnrunzeln beschrieben, als die verschiedenen Generationen zu Schweineschnitzel, Kartoffeln und Karotten mit Erbsen zusammenkommen: Müllers Eltern, Oma Marlene Röder, Aushilfskraft Fabian und Müllers Schwester Judith. »Die letzten zehn Jahre waren in Ordnung«, sagt Mama Claudia, »aber jetzt geraten wir in den gleichen Schlamassel wie beim Stallumbau.« Die Kosten waren damals schwer zu stemmen. »Und nun sind die Preise für unser Fleisch im Sinkflug.« Die Konkurrenz aus anderen EU-Ländern mache ihnen zu schaffen. Der Markt für Bio-Schweinefleisch ist in Deutschland noch klein, er macht weniger als ein Prozent des konventionellen Schweinemarkts aus. »Ich bereue den Schritt hin zur ökologischen Tierhaltung dennoch nicht«, sagt Peter Müller. So mache es einfach verdammt Spaß zu arbeiten. »Mit der Spritze rumeiern — das werde ich mir nicht mehr antun.«
Schnell ist die gute Laune wieder da. Oma Marlene fragt Fabian: »Du, zieht das offene Fenster?« Die Aushilfe antwortet: »Hast du Angst, dass ich krank mache?« Schon 2014 wollte Peter Müller, als er in die Mitverantwortung des elterlichen Hofes kam, auf Bio umstellen. »Aber da waren wir vom Kopf her noch nicht so weit«, sagt seine Mutter. Sie hatten gesehen, dass die Vermarktung der Tiere bei anderen Ökobetrieben schwierig war, sie sahen die Kosten und den Aufwand. Dabei hatte sich die Familie schon früher Gedanken über verschiedene Möglichkeiten der Tierhaltung gemacht, in den vorigen Neunzigern Sauen in Außenhütten gehalten, eine Aufzucht in geschützter Umgebung. »Das war toll«, sagt Marlene Röder, »ist aber wegen der heutigen Auflagen nur schwer zu realisieren.«
Am Ende vertrauten sie dem Peter. Er hatte ökologische Landwirtschaft ursprünglich auch mit einigen Zweifeln betrachtet, im Ort hatten es ein paar Höfe im Nebenerwerb damit probiert, »aber das funktionierte nicht wirklich.« Doch dann sah Müller in seinem Agrarwissenschaftsstudium andere Erfahrungsbeispiele, die ihn überzeugten. Man stieg um. Und die ganze Familie fand es schließlich gut. Der mittlerweile verstorbene Opa habe immer gesagt, er fühle sich wieder in seine Jugend versetzt; in den Fünfzigern habe man auch so gearbeitet — vor dem großen Industrialisierungsschub in der Landwirtschaft. Den Beruf des Landwirts wollte Peter Müller im Grunde immer ausüben, sein erstes Wort als Baby war: »Reparieren.« Ach, sagt Oma Röder, 79, und blinzelt Peter Müller an, »schreiben Sie noch auf: Er ist ja noch zu haben«.
Die Familie steht auf, die Aufgaben sind stumm verteilt. Oma kümmert sich um die Küche, Mama um die Hühner und ein paar Rechnungen. Vater Andreas und Fabian werkeln am Stall — und Müller checkt die Anlagen, etwa den Sojabohnentoaster Typ MECMAR — ihre neueste Anschaffung. 1.200 Schweine, die täglich je drei Kilo Futter verspeisen: 75 bis 80 Prozent dieses Bedarfs deckt der Hof durch eigenen Anbau auf 230 Hektar; der Rest wird regional hinzugekauft. Müllers Blick huscht über rote und grüne Knöpfe, »der Röster erhitzt die Sojabohnen kurz auf 110 Grad Celsius«, sagt er, »das denaturiert antinutritive Inhaltsstoffe.« Betrieben wird der Trockner mittels Strom aus der Photovoltaikanlage auf dem Dach; Müllers denken in Kreisläufen. »Bisher machte all dies nicht nur Sinn. Es funktionierte auch.«
Müller ist mit den Schweinen aufgewachsen. Sein Opa entschied sich in den vorigen Siebzigern, die allgemeine Hofbewirtschaftung aufs Borstenvieh zu konzentrieren. Warum? Er lacht. »Keine Ahnung, das hab ich ihn nie gefragt.« Eigentlich sei die Gegend wegen des vielen Grünlands eher eine Milchviehregion. »Vielleicht wollte er einfach etwas anderes als die anderen machen.« Das Geld für den Stall hatte sich der Großvater mit Verputzungsarbeiten bei einem Maler hinzuverdient. Zurück im Dorf schaut er im Hofladen vorbei, dem einzigen »Geschäft« im 430-Seelen-Ort. Müllers betreiben ihn, links im Raum liegen Kartoffeln in 2,5‑Kilo-Säcken, rechts stapeln sich auf einem Tisch Eierschachteln. Das Geld legen Kunden in eine weinrote taschenbuchgroße Metallkasse, »alles auf Vertrauensbasis«. Man kennt sich im Dorf, lebt kaum aneinander vorbei. Sechs Vereine tragen die Gemeinschaft, in der Gemeindevertretung sitzt eine Einheitsliste. Wo macht er mit? Er lacht. »Quasi bei allem.«
Der Tag neigt sich langsam seinem Ende zu. Wird er noch in zehn Jahren hier Landwirt sein? Zuerst schaut Müller, als überrasche ihn die Frage. Als würde er sich an etwas erinnern, sagt er: »Ich will es hoffen. Bis uns das Geld ausgeht.«
Text | Foto: Jan Rübel



