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Bio-Züch­tung auf dem Dot­ten­fel­der Hof
»Die Natur ist komplex.«

Der Dottenfelderhof bei Frankfurt am Main existiert seit 1.000 Jahren. Da überdenkt man neue Unsicherheiten genau. Und lehnt Gentechnik dann lieber ab.
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Selbst im Inners­ten die­ses Hofes, der eigent­lich ein Refu­gi­um für die Mit­ar­bei­ter sein soll, kommt die Inno­va­ti­on auf die Höhe eines Meters. So weit streckt sich hier im Gar­ten des Dot­ten­fel­d­er­hofs das Grün der Möh­ren in den Bad Vil­be­ler Him­mel nörd­lich von Frank­furt. Die Dol­den rei­fen nun im zwei­ten Jahr, bald wer­den sie ihr Saat­gut frei­las­sen, und genau dar­auf war­tet Carl Vol­lenwei­der. Er streicht mit der rech­ten Hand­flä­che kurz über die Pflan­ze, als füh­re er ein kur­zes, stum­mes Zwie­ge­spräch. »Es gibt nur weni­ge, die spe­zi­fisch für den öko­lo­gi­schen Land­bau züch­ten«, sagt er. »Aber er hat eben ande­re Bedarfe.«

Und den leben sie hier aus, die 150 Mit­ar­bei­ter die­ses Hofes. Auf 218 Hekt­ar bau­en sie nicht nur Getrei­de, Obst und Gemü­se an, hal­ten nicht nur 80 schwarz­bun­te Milch­kü­he, zwei Hüh­ner­her­den und sechs Zuchtsauen alter Ras­sen. Sie betrei­ben einen Hof­la­den und ein Hof­ca­fé — bei­des Magne­ten, die Men­schen aus dem Umland anzie­hen; im Son­nen­schein ist gera­de kei­ner der knapp ein Dut­zend zäh­len­den Tische frei. Im Rück­zugs­gar­ten, in den sich Mit­ar­bei­ten­de vorm Tru­bel drau­ßen zurück­zie­hen kön­nen, ste­hen eine Back­stu­be und eine Käse­rei. Doch was die­sen Hof in die Zukunft zieht, ist die eige­ne Züch­tung mit Carl Vol­lenwei­der, 39, als Co-Geschäfts­füh­rer For­schung & Züch­tung in der Land­bau­schu­le Dot­ten­fel­d­er­hof e.V. mit zehn Mitarbeitenden.

»Wir üben einen ande­ren Umgang mit der Welt«, sagt er, »einen mit Respekt vor der Natur«. Der Erde woll­ten sie den Hof machen, steht auf der Web­site. Die Erde pfle­gen. Und davon leben. Das heißt: »Wir sind vor­sich­tig. Die­se Basis wird auch auf Neu­es ange­legt, denn die Natur ist kom­plex. Da gilt es Rück­sicht zu neh­men und zu fra­gen, was spe­zi­fi­sche Ein­grif­fe bewir­ken.« Es klingt phi­lo­so­phisch und prak­tisch zugleich, gemäß dem alten Land­wirts­spruch: Bes­ser eine Kuh mel­ken als sie schlach­ten. An der Holz­wand eines Zucht­ge­bäu­des steht in ocker­gel­ben Buch­sta­ben auf einem Schild: »Gen­tech­nik­frei!« Vol­lenwei­der nickt. »Unse­re Vor­sicht ist ethisch begrün­det. Bei der Gen­tech­nik stellt sich mir zuvor­derst die Fra­ge: Wis­sen wir wirk­lich, was wir da tun?« Und der Mensch, fügt er hin­zu, müs­se die­se Fra­ge mit einem kla­ren Nein beantworten.

Ein Anwe­sen mit Geschichte

Schon zwi­schen 1946 und 1958 wur­de der Hof bio­lo­gisch-dyna­misch bewirt­schaf­tet, 1954 beher­berg­te er die Grün­dungs­ver­samm­lung des Deme­ter-Bund e.V. 1968 pach­te­te ihn eine Betriebs­ge­mein­schaft von fünf Fami­li­en, um sie her­um grün­de­te sich 1981 die »Land­wirt­schafts­ge­mein­schaft« Dot­ten­fel­d­er­hof. Deren Mit­glie­der beglei­ten die Betriebs­ge­mein­schaft bei der Bewirt­schaf­tung und finan­zie­ren das Umlauf­ver­mö­gen des Hofes. Ein Ziel ist es dabei, Verbraucher:innen in das land­wirt­schaft­li­che Gesche­hen ein­zu­bin­den. Die ers­te urkund­li­che Erwäh­nung des Hofes stammt aus dem Jah­re 976, als Kai­ser Otto II. das Klos­ter Worms mit dem land­wirt­schaft­li­chen Anwe­sen »Dud­tun­feld« belehn­te. Der Dot­ten­fel­d­er­hof blieb in klös­ter­li­chem Besitz bis zur Säku­la­ri­sa­ti­on 1803. Auf dem Weg zu sei­nen Fel­dern pas­siert Vol­lenwei­der den offe­nen Stall. Hin­ter sei­ner rand­lo­sen und recht­ecki­gen Bril­le schim­mern blaue Augen, als er das Klee­gras vor den Tie­ren mustert.
Es wur­de in der Frucht­fol­ge selbst ange­baut, »der Klee zieht in Sym­bio­se mit Boden­bak­te­ri­en Stick­stoff aus der Luft und nimmt ihn auf«, sagt er und schiebt mit dem rech­ten Fuß einen Hau­fen Grün näher an die Kühe, die alle einen Namen tragen.

 

»Unse­re Vor­sicht ist ethisch begrün­det. Bei der Gen­tech­nik stellt sich mir zuvor­derst die Fra­ge: Wis­sen wir wirk­lich, was wir da tun?«

 

Tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft, unkon­ven­tio­nel­le Biografien

Eigent­lich ist die­ser Hof klas­sisch, weil er auf eine Art bewirt­schaf­tet wird, wie man sie über Jahr­hun­der­te erlern­te. Aber die Bio­gra­fien derer, die ihn am Leben erhal­ten, sind es mit­un­ter nicht. Züch­ter Vol­lenwei­der ist weder aus­ge­bil­de­ter Land­wirt noch Bio­lo­ge. Er stu­dier­te Mathe­ma­tik. »Ich woll­te die Natur noch bes­ser ver­ste­hen«, erin­nert er sich dar­an, wie er sich mit 28 Jah­ren frag­te, was nach der Pro­mo­ti­on in Quan­ten­phy­sik kom­men soll­te. Damals hat­te er Bücher der Akti­vis­tin Vanan­da Shi­va (die übri­gens auch einen Mas­ter in Phy­sik hat) gele­sen, ihre Ideen zur öko­lo­gi­schen Bewe­gung. Vol­lenwei­der woll­te von ihr ler­nen, zog für knapp ein Jahr nach Indi­en und stell­te fest: »Die Pflan­zen­genetik ist ein fas­zi­nie­ren­des Gebiet. Noch immer haben wir vie­les nicht aus­rei­chend ver­stan­den.« Oder in sei­ner Fach­spra­che: Noch ste­cke sie vol­ler dunk­ler Mate­rie oder dunk­ler Ener­gie. »Viel­leicht ist die Bio­lo­gie noch nicht ganz so weit wie die Phy­sik«, lächelt er. »Bei letz­te­rer haben wir Kennt­nis­lü­cken und Erkennt­nis­gren­zen auch auf­grund hoher Kom­ple­xi­tät längst ver­in­ner­licht.« Unterm Stall­dach zwit­schern Vögel im Gebälk.

»Wel­che Pflan­zen braucht der Öko-Landbau?«

Was ihn flugs wie­der zur Gen­tech­nik bringt, als er den Stall ver­lässt. „Die Pflan­ze macht kei­ne DNA ohne irgend­ei­nen Grund“, sagt er. Natür­lich sei er für For­schung in der Mole­ku­lar­ge­ne­tik, »sie bes­ser zu ver­ste­hen, das wäre der ers­te Schritt«. Nur ver­mis­se er die Risi­ko­for­schung. »Wie kann man glau­ben, dass all dies der­art ein­fach sei?« Er schüt­telt den Kopf, und in die­sem Moment stellt man sich ihn eher in einem Labor mit einem Laser vor und weni­ger auf einem klum­pi­gen Feld. In Indi­en erlern­te er, wel­che Saa­ten die öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft benö­tigt — und erfuhr, wie man dort wie­der auf alte Sor­ten zurück­griff. »Vor­her hat­te die soge­nann­te Grü­ne Revo­lu­ti­on für rasan­te Ertrags­stei­ge­run­gen gesorgt«, sagt er. »Aber es zeig­ten sich auch vie­le nega­ti­ve Fol­gen für Mensch und Umwelt und Böden degra­dier­ten.« Die neu­en Sor­ten, die Stick­stoff bes­ser ver­tru­gen und schnell wuch­sen, erwie­sen sich als nicht nach­hal­tig. Also stu­dier­te er 600 ver­schie­de­ne alte Reis­sor­ten, mach­te sich mit ihren Pro­fi­len vertraut.

Dann kam Besuch aus Deutsch­land mit Ver­bin­dun­gen zum Dot­ten­fel­d­er­hof. Man kam ins Gespräch, und eigent­lich woll­te Vol­lenwei­der in Hes­sen dann nur ein Prak­ti­kum zu öko­lo­gi­scher Pflan­zen­züch­tung absol­vie­ren. Das war vor zehn Jah­ren. Aber er blieb, seit 2020 lei­tet er nun gemein­sam mit Kath­rin Neu­deck die »For­schung & Züch­tung Dot­ten­fel­d­er­hof«. »Die super­span­nen­de Fra­ge lau­tet doch: Wel­che Pflan­zen braucht der Ökolandbau?«

Über zehn Jah­re für eine neue Öko-Sorte

Vor dem Hof begin­nen die ers­ten Fel­der. In die Stil­le hin­ein rau­schen Lini­en­flug­zeu­ge hin zum Fra­port. Rechts knab­bert die über­gro­ße graue Hal­le eines Mine­ral­was­ser­lie­fe­ran­ten dem Him­mel ein Stück ab. Vol­lenwei­der nähert sich einem Ver­suchs­feld mit gel­bem Som­mer­ha­fer. Eini­ge der Pflan­zen sehen schwarz­braun aus, wie ver­kohlt. »Das ist Hafer­flug­brand. Anstel­le gesun­der Kör­ner haben sich Pilz­spo­ren gebil­det.« Den Befall hat sein Team durch künst­li­che Inoku­la­ti­on mit Spo­ren vor der Aus­saat absicht­lich aus­ge­löst. Die frü­hen Zucht­ge­nera­tio­nen bei Hafer wer­den dem Befalls­druck mit Flug­brand aus­ge­setzt, und nur gesun­de Pflan­zen wer­den anschlie­ßend aus­ge­le­sen und wei­ter­ge­führt, hier steht die drit­te Gene­ra­ti­on nach der Kreu­zung — »da haben wir noch eini­ge Jah­re Arbeit vor uns.« Die Ent­wick­lung einer neu­en Sor­te dau­ert zwi­schen 10 bis 15 Jah­ren. Durch die Kreu­zung, anschlie­ßen­de Aus­le­se und Prü­fung soll eine Resis­tenz gegen Flug­brand mit aus­ge­zeich­ne­ten agro­no­mi­schen Eigen­schaf­ten in einer neu­en Hafer­sor­te ver­eint wer­den. Ein paar Fel­der wei­ter steht der Som­mer­wei­zen. Vol­lenwei­der betritt einen Netz­tun­nel von der Grö­ße eines klei­nen Bus­ses. In ihm wach­sen Wei­zen­pflan­zen der ers­ten Gene­ra­ti­on nach der Kreu­zung. Im Jahr zuvor wur­de für jede Kreu­zung zunächst eine Ähre kas­triert: Mit einer Nagel­sche­re wur­den die Ähr­chen auf­ge­schnit­ten und mit einer Pin­zet­te die Anthe­ren ent­fernt, um eine Selbst­be­stäu­bung zu ver­hin­dern »das dau­ert pro Pflan­ze cir­ca 20 Minu­ten«. Dann wird eine Per­gam­in­tü­te über­ge­stülpt, befes­tigt mit Wäsche­klam­mern. Nach drei Tagen wird die Vater­äh­re in die Tüte ein­ge­bracht und es kommt zur Bestäu­bung. »Hier«, sagt er, »sind es lei­der nicht so vie­le aus­ge­füll­te Kör­ner. Das kann pas­sie­ren.« Zufrie­de­ner ist er ein paar Meter wei­ter, beim Ver­suchs­feld mit Wei­zen­zucht­stäm­men ab der sieb­ten Gene­ra­ti­on in der Leis­tungs­prü­fung: Par­zel­len mit einer Brei­te von ein­ein­halb Metern und einer Län­ge von vier Metern sind ange­legt. »Die Wei­zen­pflan­zen sind schon fast reif.« Bald wird mit einem Spe­zi­al­mäh­dre­scher — jeweils eine Par­zel­le in einen Baum­woll­stoff­sack — geern­tet, um den Ertrag genau zu bestimmen.

 

Noch gibt es in Deutsch­land rela­tiv vie­le klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Pflan­zen­züch­ter — anders als etwa in den USA. Die Sze­ne arbei­tet vor­wie­gend kon­ven­tio­nell, sichert aber eine hohe Sor­ten­viel­falt, die durch die vor­an­schrei­ten­de Markt­kon­zen­tra­ti­on zu schrump­fen droht.

Koope­ra­tio­nen mit Uni­ver­si­tä­ten und Landesbetrieben

Noch gibt es in Deutsch­land rela­tiv vie­le klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Pflan­zen­züch­ter — anders als etwa in den USA. Die Sze­ne arbei­tet vor­wie­gend kon­ven­tio­nell, sichert aber eine hohe Sor­ten­viel­falt, die durch die vor­an­schrei­ten­de Markt­kon­zen­tra­ti­on zu schrump­fen droht. »Die Ver­füg­bar­keit gene­ti­scher Viel­falt als Aus­gangs­ba­sis für die Züch­tung wird durch die Gen­tech­nik ein­ge­schränkt wer­den«, sagt Vol­lenwei­der. »Zum einen beschleu­ni­gen die hohen Kos­ten der Gen­tech­nik, zum Bei­spiel wegen der Paten­te, die Marktkonzen-
tra­ti­on in der kon­ven­tio­nel­len Züch­tung. Das Ange­bot ver­schie­de­ner Sor­ten nimmt dadurch ab. Zum ande­ren kön­nen die Paten­te sogar auf her­kömm­lich gezüch­te­te Pflan­zen aus­grei­fen, die ähn­li­che Eigen­schaf­ten wie die gen­tech­nisch ver­än­der­ten auf­wei­sen. Die­se ste­hen für unse­re Arbeit nicht mehr zur Ver­fü­gung.« Für den Wis­sen­schaft­ler Vol­lenwei­der sind dies sinn­freie Schrit­te. Das Dut­zend Züch­ter auf dem Dot­ten­fel­d­er­hof hält gegen — mit Nagel­sche­ren und Papier­tü­ten, aber auch durch Koope­ra­tio­nen mit den Uni­ver­si­tä­ten Bonn, Gie­ßen und Kas­sel sowie Lan­des­be­trie­ben. Die For­schung hier finan­ziert sich zu zehn bis 15 Pro­zent aus Zuchterlö­sen. Der Rest kommt durch Spen­den und staat­li­che Förderprojekte.

Gene­ti­sche Viel­falt für eine plu­ra­lis­ti­sche Gesellschaft

Die Son­ne hat ihren Zenit über­schrit­ten, als Vol­lenwei­der ein wei­te­res Ver­suchs­feld ansteu­ert. »Das sind mei­ne pri­va­ten Lieb­lin­ge.« Hier steht ein Som­mer­wei­zen mit dem Namen »Con­ven­to C«. Eini­ge der Wei­zen­äh­ren tra­gen lan­ge Gran­nen, »die­se neh­men Tau auf, strah­len Hit­ze ab und erhö­hen dadurch die Tro­cken­to­le­ranz die­ser Pflan­zen«. Ande­re Pflan­zen haben kei­ne Gran­nen, dafür aber ande­re vor­teil­haf­te Eigen­schaf­ten. »Con­ven­to C« ist eine soge­nann­te hete­ro­ge­ne Popu­la­ti­on, die sich durch eine hohe gene­ti­sche Viel­falt aus­zeich­net — im Gegen­satz zu her­kömm­li­chen Sor­ten, bei denen eine Pflan­ze im Bestand gene­tisch weit­ge­hend iden­tisch zu jeder ande­ren ist. Der Effekt der Diver­si­tät ist ein höhe­res Puf­fer­ver­mö­gen gegen Kli­ma­ex­tre­me und Robust­heit gegen­über Krank­hei­ten. Er möge den Ver­gleich nicht, sagt Vol­lenwei­der, »aber das ist wie die Idee eines Akti­en­port­fo­li­os — ein Risi­ko­aus­gleich durch viel­fäl­ti­ge Zusam­men­set­zung im Feld­be­stand«. Da kommt die Spra­che eines Quan­ten­phy­si­kers her­vor, für den auch die Opti­on bestand, in den Hoch­fre­quenz-Akti­en­han­del ein­zu­stei­gen und der sich dann für ande­res ent­schied. »Wir wol­len doch in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft leben«, sagt er auf dem Rück­weg zum Hof. »Nicht alle müs­sen öko­lo­gi­schen Land­bau machen. Aber wir bil­den eine Alternative.«

 

 


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Text | Foto: Jan Rübel

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 112 — Herbst 2026

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