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Kein zurück zum »business as usual«

Essen bes­ser machen

Corona hat den Blick geschärft: Unsere Konsumwelt ist instabil und ungerecht, Großstrukturen und globalisierter Welthandel sind fragil. Vier Lehren aus einer schwierigen Zeit. Die meisten Geschäfte und alle Restaurants geschlossen, ebenso Kitas und Schulen.
Kein zurück zum »business as usual«

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Wochen­lan­ges Arbei­ten im Home-Office, äußerst ein­ge­schränk­ter Kon­takt zu Kol­le­gen, Nach­barn, Freun­den, ja sogar Ver­wand­ten. Ein Virus schränk­te unser aller Leben in nicht für mög­lich gehal­te­ner Wei­se ein – und tut es immer noch. Man trägt Mas­ke und des­in­fi­ziert sich, hält unna­tür­lich gro­ßen Abstand bei Tref­fen, Gesprä­chen, Bespre­chun­gen. Das kul­tu­rel­le Leben schrumpft auf ein Mini­mum. Die Welt um uns her­um, ja sogar das eige­ne Land gleicht einem Fli­cken­tep­pich aus Risi­ko­ge­bie­ten. Nichts ist mehr so wie es ein­mal war.

 

Immer­hin beru­higt da der Anblick der gut gefüll­ten Lebens­mit­tel­re­ga­le. Und die Erkennt­nis aus dem Früh­jahr, dass in Deutsch­land nie­mand hun­gern muss­te. Ledig­lich Eng­päs­se, zum Bei­spiel bei Hefe, Mehl, Pas­ta ent­stan­den, nicht zuletzt ver­ur­sacht durch Hams­ter­käu­fe in unge­ahn­tem Aus­maß. Trotz­dem hat der Shut­down im Früh­jahr die Feh­ler und Schwach­stel­len unse­res Lebens­mit­tel­sys­tems gna­den­los offen­ge­legt. Die Coro­na-Kri­se hat den Blick geschärft für die Risi­ken unse­rer glo­ba­li­sier­ten Waren­welt. Es wird höchs­te Zeit, uns zu fra­gen, wie wir leben und was wir ändern wollen.

 

LEH­RE EINS

Coro­na hält uns den Spie­gel vor

 

Das Gefühl der Sicher­heit hat einen Knacks bekom­men. Die meis­ten Deut­schen spür­ten zum ers­ten Mal: Eine rund um die Uhr funk­tio­nie­ren­de Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln aus aller Welt ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Lie­fer­ket­ten rei­ßen, wenn Gren­zen geschlos­sen wer­den. Nicht nur der ste­ti­ge Zustrom von Waren aus ande­ren Län­dern und Kon­ti­nen­ten ist dann gefähr­det, son­dern auch der Zustrom an bil­li­gen Arbeits­kräf­ten. Dass unse­re Spargel‑, Erd­beer- oder Gur­kenern­ten in Gefahr sind, wenn die rou­ti­niert und preis­wert arbei­ten­den Hilfs­kräf­te aus Ost­eu­ro­pa nicht ein­rei­sen kön­nen, hat­te kaum jemand auf dem Schirm. Damit wir wei­ter mit Obst und Gemü­se ver­sorgt wur­den und die Land­wir­te ihre Ware nicht auf dem Feld ver­gam­meln las­sen muss­ten, erlaub­te die Bun­des­re­gie­rung am Ende, trotz geschlos­se­ner Gren­zen Ern­te­hel­fer ein­flie­gen zu lassen.

 

 

Eine rund um die Uhr ­funk­tio­nie­ren­de Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln aus ­aller Welt ist nicht selbstverständlich

 

Die Abhän­gig­keit von bil­li­gen Arbeits­kräf­ten zeig­te und zeigt sich noch deut­li­cher in der Fleisch­in­dus­trie. 2019 wur­den laut Sta­tis­ta in Deutsch­land etwa 55 Mil­lio­nen Schwei­ne geschlach­tet – über die Hälf­te davon in Betrie­ben, die zu den drei Groß­kon­zer­nen Tön­nies, Vion und West­fleisch gehö­ren. In den gigan­ti­schen Schlacht­fa­bri­ken arbei­ten fast nur noch Män­ner aus Ost­eu­ro­pa. Das ver­schach­tel­te Sub­un­ter­neh­mer­tum führ­te zu der absur­den Situa­ti­on, dass Fir­men­chefs den Gesund­heits­äm­tern tage­lang weder Namen noch Adres­sen mög­li­cher­wei­se infi­zier­ter Mit­ar­bei­ter nen­nen konn­ten. Und Infek­tio­nen gab es reich­lich – nicht zuletzt, weil die Schlach­ter und Zer­le­ger in über­füll­ten Unter­künf­ten wohnen.

 

Die­se Zustän­de sind seit Jah­ren all­ge­mein bekannt, geküm­mert hat­te das kaum jeman­den. Erst die Coro­na-Aus­brü­che haben die unwür­di­gen Bedin­gun­gen zumin­dest für eine Zeit in den Fokus der Auf­merk­sam­keit gerückt. Auf die dra­ma­ti­sche Infek­ti­ons-Anfäl­lig­keit des Sys­tems wies Achim Spil­ler, Pro­fes­sor am Depart­ment für Agrar­öko­no­mie und Rura­le Ent­wick­lung der Uni Göt­tin­gen, übri­gens bereits Mit­te März hin: »Die Schlacht­in­dus­trie könn­te stär­ker gefähr­det sein, weil hier vie­le pre­kär Beschäf­tig­te tätig sind, die in Gemein­schafts­un­ter­künf­ten für aus­län­di­sche Leih­ar­beits­kräf­te unter­ge­bracht sind.« Spil­lers vor­aus­schau­en­de Pro­gno­se soll­te sich schnell bewahr­hei­ten: Eini­ge der gro­ßen Schlacht­hö­fe muss­ten wochen­lang geschlos­sen werden.

 

LEH­RE ZWEI

Weg von anfäl­li­gen Struk­tu­ren, hin zu mehr Regionalität

 

Die Ernäh­rungs­wirt­schaft muss des­halb weg von anfäl­li­gen Megastruk­tu­ren und sich wie­der stär­ker einer robus­te­ren Regio­nal­wirt­schaft mit klei­ne­ren Kreis­läu­fen und mehr Nah­ver­sor­gung zuwen­den – sowohl in der land­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung als auch bei der Ver­ar­bei­tung. Statt Groß­be­trie­be mit intrans­pa­ren­ten Fir­men­struk­tu­ren gilt es, einen regio­na­len Mit­tel­stand vor Ort zu för­dern oder auch wie­der auf­zu­bau­en: Müh­len, Mol­ke­rei­en, Schlacht­be­trie­be, Käse­rei­en, ver­ar­bei­ten­de Betriebe.

 

Die Bio-Bran­che zeigt, wie es gehen kann: Hier liegt Obst und Gemü­se von loka­len Land­wir­ten im Regal, gibt es in der Kühl­the­ke Milch und Joghurt von regio­na­len Mol­ke­rei­en. Auch bei vie­len ande­ren Pro­duk­ten wie Getrei­de, Mehl, Auf­stri­chen, Saft oder Bier gibt es lang­fris­ti­ge Ver­trä­ge zwi­schen pro­du­zie­ren­den Betrie­ben und ihren Lie­fe­ran­ten aus der Regi­on. Das gibt bei­den Sei­ten Sicher­heit, schafft Ver­trau­en, hält Arbeit und Wert­schöp­fung im Land. Und der Ver­brau­cher bekommt das, was er sich seit Jah­ren immer mehr wünscht: regio­nal erzeug­te Lebensmittel.

 

Mit einer gestei­ger­ten hei­mi­schen land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on bes­ser auf­ge­stellt für Krisenzeiten

 

Die Coro­na-Kri­se hat die­sen Trend noch ver­stärkt. Das zei­gen zwei Ver­brau­cher­be­fra­gun­gen aus dem April und Juni 2020, die ein Göt­tin­ger Wis­sen­schaft­ler­team um Prof. Spil­ler durch­ge­führt hat und deren jüngs­te Ergeb­nis­se Mit­te Sep­tem­ber vor­ge­stellt wur­den. »Im Ver­gleich zur Befra­gung im April gewin­nen Nach­hal­tig­keits­aspek­te wie weni­ger Plas­tik­ver­pa­ckung, Tier‑, Umwelt- und Kli­ma­schutz, gesun­de Lebens­mit­tel und Regio­na­li­tät beim Ein­kauf für mehr Befrag­te an Bedeu­tung.« Dabei spielt ganz klar der Sicher­heits­aspekt eine Rol­le: Mit einer gestei­ger­ten hei­mi­schen land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on für Kri­sen­zei­ten bes­ser auf­ge­stellt zu sein. Aller­dings zeigt die Stu­die auch: Die­sem Bedürf­nis nach einer Ver­sor­gungs­si­cher­heit steht ein stei­gen­des Preis­be­wusst­sein bei den Ver­brau­chern gegen­über, im Klar­text: Bil­lig sol­len die Lebens­mit­tel auch sein. Die zwangs­läu­fig höhe­ren Prei­se für regio­na­le Lebens­mit­tel müss­ten des­halb bes­ser kom­mu­ni­ziert wer­den, so die Wis­sen­schaft­ler – zum Bei­spiel mit Hin­wei­sen auf die Fri­sche und die Geschmacksbesonderheiten.

 

Die gute Nach­richt: Bei direk­ten Kon­tak­ten fällt es uns leich­ter, höhe­re Prei­se zu akzep­tie­ren. Wer sei­nen Bäcker kennt und des­sen Arbeit schätzt, kauft dort ein, auch wenn es im Super­markt-Back­shop bil­li­ger ist. Wer als Metz­ger sei­nen Kun­den erklä­ren kann, woher das Fleisch in der Aus­la­ge kommt und dass das Tier ein gutes Leben hat­te, wird kei­ne Pro­ble­me haben, die höhe­ren Kilo­prei­se recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Und wer sein Gemü­se vom Bau­ern in der Nähe bezieht, viel­leicht sogar Mit­glied einer Soli­da­ri­schen Land­wirt­schaft ist (mehr dazu ab Sei­te 12), weiß sein Geld gut ange­legt. Nach Anga­ben des Netz­werks Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft nah­men seit März 2020 sowohl das Inter­es­se an einer Mit­glied­schaft als auch die tat­säch­li­chen Mit­glie­der­zah­len deut­lich zu. Auch der Boom der Abokis­ten bei Bio-Bau­ern zeugt von dem Wunsch nach direk­tem Kon­takt zum Erzeu­ger – und ist ein hoff­nungs­vol­les Signal dafür, dass vie­le Men­schen es nicht bei Lip­pen­be­kennt­nis­sen haben bewen­den lassen.

 

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