Februar 2026. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) eröffnet die BioFach in Nürnberg, globale Leitmesse für Bio-Lebensmittel und Treffpunkt deutscher und internationaler Bio-Akteur:innen. Er lobt Bio als Erfolgsgeschichte und stimmt dann direkt auf eine schlanke Zukunft ein: »Es gilt, vorhandene Mittel gezielt und wirk-sam einzusetzen.« Auch im Öko-Landbau werde man sich auf Kernthemen fokussieren müssen, das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) und die Biostrategie 2030 werde es weiterhin geben, aber auch hier müsse man »schauen, was wir auch ohne zusätzliche Mittel voranbringen können.« Vier Jahre zuvor hatte das noch ganz anders geklungen. Damals präsentierte Rainers Vorgänger Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) Bio als Antwort auf die planetaren Krisen. »Wir wollen unser Landwirtschafts- und Ernährungssystem nachhaltig transformieren mit Bio als unser Leitbild für nachhaltige Landwirtschaft.« Die Biostrategie 2030 sollte dafür sorgen, bis 2030 einen Bio-Anteil von 30 Prozent zu erreichen (30-Prozent-Ziel), entsprechend sollte das BÖL ausgebaut werden.
EU-Agrarpolitik bestimmt die Richtung
»Schwarzer Metzger« folgt auf »Grünen Veggie« — natürlich liegen zwischen beiden Politikern Welten. Aber die Veränderungen in der politischen Stimmung zum Bio-Anbau lassen sich natürlich nicht auf Unterschiede in Vorlieben und Parteizugehörigkeit reduzieren. Die deutsche Agrarpolitik, in deren Ressort der ökologische Landbau und die Bio-Lebensmittelwirtschaft gehört, hängt unmittelbar mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union zusammen. Diese wird von der Europäischen Union für alle Mitgliedstaaten für jeweils fünf Jahre beschlossen und aus den Mitteln des EU-Haushalts auf europäischer Ebene finanziert und verwaltet.
Sie besteht aus zwei Säulen: Die erste Säule umfasst die Markt- und Einkommenspolitik im Agrarsektor, zum Beispiel Flächenprämien und andere Direktzahlungen an Landwirt:innen, die oft an Auflagen gebunden sind. Die sogenannten »Öko-Regelungen« sollen dabei nachhaltige Praktiken belohnen. Die zweite Säule ist die Politik zur Entwicklung ländlicher Räume, ein Hybrid aus Agrar‑, Umwelt- und Regionalpolitik, in der auch die Förderung des Öko-Landbaus und die Öko-Forschung angesiedelt sind. In die GAP fließen satte 40 Prozent aller Steuergelder, die in die Europäische Union investiert werden können. Die EU unterstützt die europäischen Landwirte jährlich mit über 50 Milliarden Euro. Jede:r Bürger:in in Deutschland zahlt durchschnittlich 114 Euro jährlich in die europäische Agrarkasse ein, wie der NABU Deutschland auf seiner Website vorrechnet. Damit hat die GAP eine Menge Geld und damit Handlungspotenzial zur Verfügung, um Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten — oder auch nicht.
Umgesetzt wird die GAP durch jeweils nationale Strategiepläne, in Deutschland in Abstimmung zwischen dem Bund, den Bundesländern und der EU-Kommission. So ist zum Beispiel die »Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes« (GAK) das wichtigste nationale Förderinstrument für den Öko-Landbau in Deutschland, wenn es um die Umsetzung der »zweiten Säule« geht. Sie wird sowohl von der EU als auch aus Bundesmitteln finanziert, hinzu kommen weitere Maßnahmen wie das BÖL, das rein aus Bundesmitteln finanziert wird.
Verlagerung auf Kosten von Bio
Sowohl die EU als auch die Bundesregierung müssen sparen. Themen wie Verteidigung stehen auf der Agenda, angesichts von akuten Veränderungen wie Inflation, Energiekrise, globaler Unsicherheit gera-ten langfristig überlebenswichtige Themen wie Umwelt, Klimaneutralität oder eben auch ökologischer Umbau der Landwirtschaft in den Hintergrund — mit gravierenden Folgen. Friedhelm von Mering ist politischer Referent beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Spitzenverband der Bio-Branche. Er berichtet, dass das Bundesprogramm Öko-Landbau, wie es Alois Rainer auf der BioFach versprach, weiter existiert — allerdings kann es aktuell keine langfristigen Projekte bewilligen. Was ist passiert? Im Zuge der Sparmaßnahmen der neuen Bundesregierung wurde das BÖL mit zwei anderen Programmen zusammengelegt. Zusätzlich sollten insgesamt 20 Prozent der für diese Programme bisher vorhandenen Mittel eingespart werden. »Das widerspricht klar dem Koalitionsvertrag, in dem vereinbart wurde, Bio und insbesondere das BÖL zu stärken«, stellt Friedhelm von Mering fest. Die Bio-Branche protestierte vehement und die Kürzungen wurden vom Bundestag tatsächlich zurückgenommen.

Angesichts von akuten Veränderungen wie Inflation, Energiekrise, globaler Unsicherheit geraten langfristig überlebenswichtige Themen wie Umwelt,Klimaneutralität oder eben auch ökologischer Umbau der Landwirtschaft in den Hintergrund — mit gravierenden Folgen.
Gekürzte Verpflichtungsermächtigungensorgen für Probleme
Also alles schön? Leider nicht. Denn der Bundestag gibt der Bundesregierung die Mittel jeweils für ein Haushaltsjahr frei. Viele, wenn nicht sogar die meisten, ökologischen Projekte sind aber langfristig über mehrere Jahre angelegt. Das weiß die Politik natürlich auch und deshalb gibt es das Instrument der Verpflichtungsermächtigung: Mit diesem Wortungetüm werden Mittel über das laufende Haushaltsjahr hinaus festgeschrieben, damit die Umsetzung über das Jahr hinaus geplant werden kann. Und im Falle des BÖL wurde zwar die Kürzung der Mittel für 2026 zurückgenommen — aber die Verpflichtungsermächtigungen, die ebenfalls um 20 Prozent gekürzt worden waren, wurden dabei vergessen. Das bedeutet nicht nur, dass langfristige Projekte nicht mehr gefördert werden können, weil Mittel fehlen. Es bedeutet auch, dass das Geld, das diese Projekte in diesem Jahr sicher gehabt hätten, nicht sinnvoll ausgegeben werden kann, weil gar nicht klar ist, ob und wie es weitergeht. »So etwas habe ich in meiner über zehnjährigen Tätigkeit noch nicht erlebt«, sagt Friedhelm von Mering.
Öko-Landbau: Eins von 100 Referaten im Landwirtschaftsministerium
Ein weiteres Beispiel: Das Landwirtschaftsministerium hat ca. 100 verschiedene Referate. Eines davon ist das Referat für Öko-Landbau. Das wiederum hat zwei Schwerpunkte: Zum einen beschäftigt es sich mit der Weiterentwicklung und Umsetzung der EU-Öko-Verordnung in Deutschland. Zum anderen achtet es darauf, dass bei allen Projekten, die die Landwirtschaft betreffen, Öko-Belange mitgedacht und idealerweise umgesetzt werden. Die vorherige Bundesregierung hatte beschlossen, dass ein Referat nicht reiche, um das 30-Prozent-Ziel umzusetzen und gab jedem Schwerpunkt ein eigenes Referat. Die neue Bundesregierung legte diese direkt wieder zusammen, mit entsprechendem Personalabbau. »Unter diesen Voraussetzungen ist es für das Öko-Landbau-Referat kaum möglich, alles zu verfolgen, was die Belange des ökologischen Landbaus beziehungsweise der ökologischen Lebensmittelwirtschaft in den Aktivitäten der anderen 99 Referaten-Projekte betrifft«, fasst Friedhelm von Mering zusammen
GAP ab 2027: Harter Verteilungskampf
2027 beginnt die nächste Periode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Diese wird für jeweils fünf Jahre beschlossen, aktuell befinden wir uns also in der GAP 2023–27. Die GAP-Förderprämien stellen die Weichen für das, was in der Landwirtschaft auf EU- und nationaler Ebene möglich ist und entscheiden damit maßgeblich die Zukunft von Bio. Wie maßgeblich, zeige das Beispiel der GAP 2014–20, so Friedhelm von Mering. Damals galten die »Green by Definition«-Regeln, die Bio-Landwirt:innen Bürokratie abnahmen, da bestimmte Anforderungen durch die Bio-Zertifizierung automatisch als erfüllt galten. Die Förderung für den ökologischen Landbau war, wie von Mering formuliert »okay«. »Zusammen hat das gereicht, um die Öko-Fläche in nur drei Jahren um 50 Prozent zu vergrößern!« Vor diesem Hintergrund fordert der BÖLW mehr bundesdeutsches Engagement für eine nachhaltige Agrarpolitik in der EU. Das sei jetzt umso wichtiger, denn: »In der kommenden GAP-Periode muss die EU hohe Kredite aus den Corona-Jahren zurückzahlen, sodass sich der Verteilungskampf um das Geld nochmals intensivieren wird.« Positiv sei aber, dass die EU-Kommission für die neue GAP (wieder) eine Befreiung der Bio-Höfe von durch Bio bereits abgedeckte Umweltauflagen vorschlägt.
Attitude-Behaviour-Gap: Was Menschen sagen und was Menschen tun
Das alles klingt nicht rosig. Aber wie sieht es auf der anderen Seite aus? Schließlich haben es doch die oft beschworenen mündigen Konsument:innen in der Hand, die Nachfrage nach Bio zu befeuern und damit auch dafür zu sorgen, dass mehr Fläche ökologisch bewirtschaftet wird. »Wir stehen für mündige Bürgerinnen und Bürger, die selbst entscheiden, was in den Einkaufskorb oder auf den Teller kommt«, so Landwirtschaftsminister Rainer gleich in seiner ersten Rede vor dem Deutschen Bundestag. »Natürlich spielen Verbraucherinnen und Verbraucher eine wichtige Rolle«, sagt Simon Krischer, Geschäftsführer des Anbauverbands Biokreis. »Allerdings: Umfragen belegen immer wieder, wie wichtig Menschen zum Beispiel das Thema Tierwohl ist. Wenn wir dann aber schauen, was wird wirklich gekauft, sehen wir, dass am Ende beim Einkauf doch der Preis entscheidet.«
Ein verbreitetes Phänomen, das auch als Attitude-Behaviour-Gap oder Bürger-Konsumenten-Gap bekannt ist. Die DHBW Heilbronn hat in den Jahren 2021 bis 2024 regelmäßig Konsument:innen zum Thema Attitude-Behaviour-Gap beim Thema Nachhaltigkeit im Lebensmitteleinzelhandel befragt. Ergebnis: Die Nachhaltigkeitsorientierung beim Kauf von Lebensmitteln ist durch Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit deutlich zurückgegangen. »Dies ist angesichts der anhaltenden ungelösten Probleme zur Bewältigung des Klimawandels eine Tendenz, die eher nachdenklich macht als optimistisch stimmen sollte«, kommentiert die Hochschule auf ihrer Website.
»Umfragen belegen immer wieder, wie wichtig Menschen zum Beispiel das Thema Tierwohl ist. Wenn wir dann aber schauen, was wird wirklich gekauft, sehen wir, dass am Ende beim Einkauf doch der Preis entscheidet.«
Verbraucher:innen können nicht alles richten
Eine Schuldzuweisung an die Verbraucher:innen hält Simon Krischer dennoch für verfehlt: »Wir sollten alle gemeinsam daran arbeiten, dem Thema Essen einen neuen Stellenwert zu geben«, sagt er und verweist auf das Nachbarland Frankreich, in dem die Bereitschaft, Geld für hochwertige Lebensmittel auszugeben, sehr viel höher sei. »Hierzulande leistet zum Beispiel die Slow Food-Bewegung einen wichtigen Beitrag.« Simon Krischer sieht nicht nur die europäische Agrarpolitik in der Pflicht, auch in den Verarbeitungs- und Handelsstrukturen gebe es Fehlentwicklungen, denen es politisch gegenzusteuern gelte. »Wir sehen zum Beispiel immer häufiger, dass Lebensmittelkonzerne Land kaufen. Das birgt das Risiko, dass dieses Land möglicherweise nicht mehr an Landwirt:innen verpachtet wird, sondern vom Lebensmittelkonzern selbst bewirtschaftet wird.« Das gleiche sei in der Bio-Verarbeitung zu beobachten: »Mittlerweile kauft der Lebensmittelkonzern nicht nur die Bio-Milch, sondern am liebsten gleich die ganze Molkerei.«
Bio aktiv fördern — Lebensgrundlagen langfristig sichern
Strategisch sinnvolles Handeln, Vertrauen in die Selbstwirksamkeit und gute Kommunikation: Viele ökologische Landwirtschaftsbetriebe und Bio-Unternehmen machen alles richtig. Und viele Menschen kaufen bewusst Bio, leben bewusst nachhaltig, nicht nur, um sich und ihrer Familie etwas Gutes zu tun, sondern auch, weil sie einen Beitrag leisten wollen. Aber das alleine reicht nicht. Bio ist kein Selbstläufer — und kein Selbstzweck: Die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft leistet substanzielle Beiträge, um die akut gefährdeten natürlichen Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser, Biodiversität in Deutschland und Europa langfristig zu sichern. Das ist im Interesse aller Bürger und Bürgerinnen. Um dieses Ziel erreichen zu können, braucht es die tatkräftige Förderung vonseiten der europäischen und der deutschen Agrarpolitik — und da ist aktuell noch viel Luft nach oben.





