Das Magazin für
Kopf und Bauch

Auf dem Weg zum Verantwortungseigentum

Was meins ist, kann auch deins sein

Immer mehr (Bio-)Unternehmen wollen sinnorientiert, selbstbestimmt und unabhängig arbeiten und damit für eine gerechtere und nachhaltigere Wirtschaft insgesamt sorgen. Eine große Mission. Wie geht das überhaupt? Und wo anfangen? Die Purpose Stiftung hilft dabei.
Auf dem Weg zum Verantwortungseigentum

Siehe auch:

Siehe auch:

Mit Verantwortungs­eigentum Unter­neh­mens­wer­te erhalten

 

Als Lösung fan­den sie einen »Eigen­tums-Hack«, der Pur­po­se-Unter­neh­men im klas­si­schen Sin­ne unver­käuf­lich macht. Und der funk­tio­niert so: Ein Pro­zent ihrer Stimm­rech­te geben die Unter­neh­men an die Pur­po­se Stif­tung ab. Für Ände­run­gen an den Prin­zi­pi­en des Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tums brau­chen sie 100 Pro­zent Zustim­mung von allen Stimm­be­rech­tig­ten. »Und die Stif­tung hat nur einen Auf­trag: Sie sagt immer nein, wenn die­se Prin­zi­pi­en geän­dert wer­den sol­len, kann sie also immer ein Veto ein­le­gen und das Eigen­tum schüt­zen«, sagt Achim. Dar­über hin­aus hat die Stif­tung kei­nen Ein­fluss auf Ent­schei­dun­gen der Unter­neh­men. Was sonst ziem­lich teu­er und ver­wi­ckelt wäre, wird durch die­sen »klei­nen Trick«, wie ihn die Brü­der nen­nen, recht güns­tig unkom­pli­ziert – und damit auch für Start-ups oder klei­ne­re ­Betrie­be interessant.

 

Ganz klas­sisch: Lobby­arbeit und Investments

 

Nun sei es an der Poli­tik, die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für Unter­neh­men in Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tum zu ver­bes­sern. Anders aus­ge­drückt: Das Grün­der­quar­tett muss klas­si­sche Lob­by­ar­beit leis­ten. »Schluss­end­lich muss es genau­so ein­fach sein, die­se Form von Unter­neh­men zu grün­den, wie jede ande­re. Das ist unser Anlie­gen«, sagt Achim. Der poli­ti­sche Pro­zess ist bereits ins Rol­len gekom­men. Es gab ers­te Tref­fen mit Spitzenpolitiker:innen aus unter­schied­li­chen Par­tei­en. Die Reso­nanz sei posi­tiv gewe­sen. Doch noch ist das Unwis­sen groß, auch bei vie­len, die grün­den. Oft mach­ten sie die »Main­stream-Start-up-Sto­ry«, ohne die Alter­na­ti­ven zu ken­nen. Dabei möch­ten vie­le der Unter­neh­mens­lus­ti­gen etwas Dau­er­haf­tes schaf­fen: ohne finan­zi­ell lukra­ti­ven Exit als Unter­neh­mens­ziel, etwas das bleibt und die Welt ein Stück bes­ser macht. »Und auch die­se Unter­neh­men müs­sen sich natür­lich selbst tra­gen«, sagt Achim. »Aber das Maxi­mie­ren­de wird raus­ge­nom­men«, ergänzt sein Bru­der, »und trotz­dem ist es kei­ne Eigen­tums­form für Mön­che. Natür­lich kann man Wohl­stand auf­bau­en und sei­ne Kin­der absi­chern.« Oft sei – wie bei allen ande­ren Unter­neh­men auch – der Zugang zum Kapi­tal entscheidend.

 

»Wir wol­len auch hier einen Bei­trag leis­ten«, sagt Achim, »und haben des­we­gen die Invest­ment­ge­sell­schaf­ten Pur­po­se Ven­tures und Pur­po­se Ever­green Capi­tal gegrün­det.« Sie ermög­li­chen »macht­freie Invest­ments«, wie sie es nen­nen. Inves­to­ren kön­nen zwar Divi­den­den­rech­te erwer­ben, aber kei­ne Stimm­rech­te. »Inves­to­ren spie­len eine total wich­ti­ge Rol­le in der Ermög­li­chung von Unter­neh­men in die­ser Welt. Doch sie brau­chen einen adäqua­ten Ren­di­teaus­gleich für das Risi­ko, das sie ein­ge­hen«, sagt Achim, »wenn also jemand in ein sehr risi­ko­rei­ches Start-up inves­tiert, dann fin­de ich es fair, dass er oder sie Geld dafür risi­ko­ad­äquat zurück­be­kommt.« Gro­ße Play­er wie die GLS Bank oder die BMW Foun­da­ti­on gehör­ten eben­so dazu wie pri­va­te Investoren.

 

Bio-Pur­po­se: »Etwas Gutes und Gesun­des erschaffen«

 

Kein Wun­der, dass die neue Eigen­tums­form in der Bio-Bran­che gut ankommt. In den USA hat die Invest­ment­ge­sell­schaft Pur­po­se Ever­green Capi­tal bereits einen der größ­ten, unab­hän­gi­gen Bio­groß­händ­ler, die Orga­ni­cal­ly Grown Com­pa­ny auf dem Weg ins Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tum beglei­tet. »Bio-Unter­neh­men haben schon einen beson­de­ren Blick dar­auf, was ein Unter­neh­men eigent­lich ist, und wel­che Rol­le es in der Wirt­schaft spielt«, sagt Adri­an und sein Bru­der ergänzt, »das Stre­ben danach, etwas Gutes und Gesun­des zu erschaf­fen, ist bei Bio-Unter­neh­men oft inhä­rent. Sie wol­len, dass ihre Mis­si­on auch in Zukunft erhal­ten bleibt und nicht unter einem sys­te­mi­schen Zwang verwässert.«

 

Doch nicht nur die Unter­neh­men selbst, auch die Kun­den haben an Bio-Fir­men höhe­re Erwar­tun­gen. »Es ist ein wer­te­sen­si­bler Markt, in dem es kun­den­sei­tig ein hohes Bewusst­sein dafür gibt, wie ein Unter­neh­men wirt­schaf­tet«, sagt Adri­an, »und das betrifft auch die Fra­ge, ob der Kun­de für das Unter­neh­men im Mit­tel­punkt steht oder ob er nur Mit­tel zum Zweck ist, damit anders­wo Pro­fit maxi­miert wer­den kann.« In Deutsch­land haben unter ande­rem Bio-Pio­nie­re wie Arche Natur­pro­duk­te, der Her­stel­ler öko­lo­gi­scher Wasch- und Rei­ni­gungs­mit­tel Sonett, die Natur­kost­saf­te­rei Voel­kel, aber auch das Bio-Start-up Gute Kul­tu­ren Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tum mit­hil­fe der Pur­po­se Stif­tung umgesetzt.

 

Wer­te­ver­wandt­schaft statt­ Bluts­ver­wandt­schaft

 

Zu den Pro­fi­teu­ren des Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tums zäh­len für das Grün­der­quar­tett nicht zuletzt die Mit­ar­bei­ten­den der ­jewei­li­gen Betrie­be. »Sie gehen mor­gens zur Arbeit und haben eine ganz ande­re Form der Sicher­heit«, sagt Adri­an. »Sie wüss­ten, wofür sie ihre Lebens­zeit und Ener­gie ver­wen­den, und das ver­än­dert die Moti­va­ti­on fun­da­men­tal.« Die Men­schen wür­den eben nicht mehr für das Ver­mö­gen eines ande­ren arbei­ten, son­dern für eine grö­ße­re Unter­neh­mens­idee. Dass sei auch ein Anreiz für Men­schen, dort arbei­ten zu wollen.

 

Auch wenn es um die Uner­neh­mens­nach­fol­ge geht, rücken Mitarbeiter:innen als poten­ti­el­le Nachfolger:innen häu­fi­ger ins Ram­pen­licht. Gera­de klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men müs­sen oft schlie­ßen, weil die Inhaber:innen alters­be­dingt abge­ben wol­len oder müs­sen. Im Ver­ant­wor­tungs­ei­gen­tum könn­ten die Mit­ar­bei­ten­den die Geschäfts­füh­rung über­neh­men – und aus der Fir­ma sozu­sa­gen ein Fami­li­en­un­ter­neh­men 2.0 machen.

 

Eine glo­ba­le Bewe­gung für Gleich­heit und Fairness

 

In den nächs­ten fünf Jah­ren erhof­fen sich die Brü­der eine ­Zunah­me des Dis­kur­ses auf inter­na­tio­na­lem Niveau. »Einen fai­ren Wett­be­werb gibt es nur, wenn glei­che Bedin­gun­gen für alle herr­schen, sowohl beim Zugang zum Kapi­tal als auch bei den recht­li­chen Umset­zungs­mög­lich­kei­ten«, sagt Adri­an. »Eigent­lich soll­te dann ein Groß­teil unse­rer Arbeit über­flüs­sig sein«, ergänzt sein Bru­der, »und wir könn­ten ande­re coo­le Sachen machen.«

→ Kris­tin Kasten

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 90 — Früh­jahr 2021

 

Weiterlesen

Das könnte dir auch gefallen
Gut essen

Feld­frisch in die Flasche

Unser ers­ter Bio-Klas­si­ker ist tat­säch­lich älter als die Bio-Bran­che: Der feld­fri­sche Deme­ter-Möh­ren­saft von Voel­kel wird seit 1960 her­ge­stellt. »Erfun­den« hat ihn Harm Voel­kel. Aber Moment mal, kann man einen Saft über­haupt »erfin­den«?

Hintergrund

Wir kön­nen, wenn wir wollen

Das Coro­na-Virus hat uns gezeigt, zu welch tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen wir in kür­zes­ter Zeit ange­sichts einer glo­ba­len Pan­de­mie fähig sind. Der Spiel­raum, die kom­men­den Ver­än­de­run­gen zu gestal­ten, wird täg­lich klei­ner. Dabei gibt es Ansätze.

Hintergrund

Immer mehr ist nicht mehr

Mini­ma­lis­mus, DIY und bewuss­ter Ver­zicht lie­gen im Trend. Für Bio bedeu­tet das eine Rück­kehr zu den eige­nen Wur­zeln. Sich ein­fach den Ein­kaufs­korb voll packen, ohne groß nach­zu­den­ken – das war ein­mal. Heu­te kau­fen gera­de Bio-­Kun­den bewuss­ter ein, grei­fen zum nach­hal­tigs­ten Produkt.

Hintergrund

Bio im Ange­bot vs. Bio im Herzen

Dis­coun­ter und Lebens­mit­tel­ket­ten wie Lidl, Aldi, Rewe und Ede­ka wer­ben längst inten­siv für Bio-Lebens­mit­tel. Das bedeu­tet aber nicht, dass sich die Unter­neh­men tat­säch­lich durch nach­hal­ti­ges und öko­lo­gi­sches Wirt­schaf­ten aus­zeich­nen. Anders sieht es in ech­ten Bio-Märk­ten aus.