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Weide, Labor oder 3D-Drucker

Das Fleisch der Zukunft

Eine nachhaltige und zukunftsfähige Ernährung kommt auf jeden Fall mit deutlich weniger Fleisch aus, da sind sich alle einig. Was stattdessen in Zukunft auf unseren Tellern landen und uns mit wichtigen Proteinen versorgen soll, darüber gibt es aber jede Menge unterschiedlichster Visionen, Ideen und Experimente. Einiges erinnert an Science Fiction-Filme, nicht alles klingt appetitlich.
Weide, Labor oder 3D-Drucker

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Auf Kos­ten der Natürlichkeit

 

Mit einer pflanz­lich aus­ge­rich­te­ten Voll­wert­kü­che, wie sie die Bio-Bewe­gung in ihren Anfangs­ta­gen pro­pa­gier­te, hat der neue Veg­gie-Trend nur noch wenig zu tun. Denn para­do­xer­wei­se wol­len vie­le der Ersatz­pro­duk­te die ech­ten Schnit­zel, Würs­te und Bou­let­ten imi­tie­ren. Gefragt ist mög­lichst viel Ähn­lich­keit bei Geschmack, Tex­tur und Biss. Ob der Bur­ger aus pflanz­li­cher Mas­se oder aus Rin­der­hack besteht, soll optisch und sen­so­risch am bes­ten nicht zu unter­schei­den sein. Rote-Bete-Saft lässt den Nach­bau sogar ein biss­chen blu­tig wir­ken. Der Begriff »pflanz­li­ches Fleisch« wird in Sze­ne­krei­sen schon wie selbst­ver­ständ­lich genutzt.

 

Ener­gie­bi­lanz nicht viel besser

 

Geht es nur ohne Fleisch, wenn es täu­schend ähn­lich aus­se­hen­de und schme­cken­de Ersatz­pro­duk­te gibt? Und war­um hän­gen wir so am Fleisch, dass wir unse­re Hoff­nun­gen auf tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen set­zen – sei es auf das In-Vitro-Fleisch oder auf den 3D-Dru­cker? »Die Gier nach Fleisch scheint im Men­schen ver­an­kert zu sein, ähn­lich wie die Lust auf Zucker«, glaubt Tech­nik­phi­lo­so­phin Sil­via Woll. Hin­zu kommt die Fas­zi­na­ti­on von tech­no­lo­gisch Mach­ba­rem, die ja auch ent­spre­chend ver­mark­tet wer­de. »In-Vitro-Fleisch bei­spiels­wei­se wird ja oft als die ein­zi­ge Lösung dar­ge­stellt, um die Welt­ernäh­rung zu sichern.« Argu­men­tiert wer­de dabei oft damit, dass für die Kalo­rien aus einem Kilo Rind­fleisch sie­ben­mal so viel an Pflan­zen an die Kuh ver­füt­tert wer­de. Bei Schwei­nen ist das Ver­hält­nis 1:5, bei Hüh­nern 1:2. »Doch auch in Labor­fleisch muss immer mehr Ener­gie hin­ein­ge­steckt wer­den als wir her­aus­be­kom­men, das Ver­hält­nis liegt hier eben­falls bei 1:2.«

 

Das Fleisch der Zukunft – Burger mit GemüseWeni­ger Fleisch und Wurst, Milch, Käse und Eier, dafür mehr Gemü­se, Getrei­de, Hül­sen­früch­te, Nüs­se und Saa­ten. Damit wäre schon viel gewon­nen. Tie­re könn­ten art­ge­recht gehal­ten wer­den, Kühe Gras fres­sen statt extra ange­bau­tes Hochleistungsfutter.

 

Ein­fach mehr Pflan­zen essen

 

Nicht nur Woll ist der Mei­nung, dass es das Bes­te für das Kli­ma, die Umwelt und das Tier­wohl wäre, wenn wir uns ein­fach ein wenig beschnei­den wür­den: »Reduk­ti­on wäre die Lösung.« Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten umstel­len statt nach Ersatz zu suchen: weni­ger Fleisch und Wurst, Milch, Käse und Eier, dafür mehr Gemü­se, Getrei­de, Hül­sen­früch­te, Nüs­se und Saa­ten. Damit wäre schon viel gewon­nen. Tie­re könn­ten art­ge­recht gehal­ten wer­den, Kühe Gras fres­sen statt extra ange­bau­tes Hoch­leis­tungs­fut­ter. Sich selbst aus Gemü­se- und Kar­tof­fel­ras­peln, einem Ei, Hafer­flo­cken, Kräu­tern und Gewür­zen Puf­fer zu bra­ten und nicht einen »Wie-Fleisch-Bur­ger« in die Pfan­ne zu geben, wäre ver­mut­lich auch gesün­der. Denn die beque­men Alter­na­ti­ven sind häu­fig sehr stark ver­ar­bei­tet. Die pflanz­li­chen Eiwei­ße, die das für den Kör­per so wich­ti­ge und im Fleisch so reich­lich vor­han­de­ne Pro­te­in erset­zen, müs­sen näm­lich extrem stark ver­än­dert wer­den, damit eine flei­sch­ähn­li­che Tex­tur ent­steht. Neben Gewür­zen und Salz sor­gen dann noch Aro­ma­stof­fe für den gewünsch­ten Geschmack. Natür­lich geht anders, pflanz­lich eigent­lich auch. Befürch­tet wird außer­dem ein Anstieg der Lebens­mit­tel­all­er­gien, weil in vie­len hoch ver­ar­bei­te­ten Veg­gie-Pro­duk­ten Pro­te­in­iso­la­te und ‑kon­zen­tra­te ste­cken – oft aus Erb­sen, sel­te­ner aus Soja oder Wei­zen. »Das neue All­er­gen wird die Erb­se«, pro­phe­zei­te die Ernäh­rungs­be­ra­te­rin Chris­tia­ne Schä­fer in einem Vor­trag für den Deut­schen All­er­gie- und Asth­ma­bund. Die hohen Pro­te­in­men­gen sei­en »prä­de­sti­niert für das Aus­lö­sen einer Allergie«.

 

Kon­zer­ne spie­len mit

 

Sel­ten the­ma­ti­siert wird bei der Dis­kus­si­on um eine umwelt- und kli­ma­freund­li­che Ernäh­rung, wel­che Kon­zer­ne hin­ter den Kulis­sen mit­mi­schen. Auf den Zug sind aber inzwi­schen auch sol­che Fir­men auf­ge­sprun­gen, die bis­lang nicht unbe­dingt posi­tiv in Sachen Tier- oder Kli­ma­schutz auf­ge­fal­len sind. Wie Nest­lé: Das Unter­neh­men fei­er­te im Novem­ber 2020 immer­hin den Ver­kauf von 20 Mil­lio­nen vega­nen Bur­ger­pat­tys in Deutsch­land. Oder die Fir­ma Wie­sen­hof, die sonst eher für Mast­hähn­chen­pro­duk­te bekannt ist, inzwi­schen aber auch Veg­gie-Brat­würs­te, Nug­gets und Fri­ka­del­len anbie­tet. Die Fra­ge, ob die Zuta­ten aus öko­lo­gi­schem Anbau stam­men, erüb­rigt sich.

 

→ Bir­git Schumacher

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 92 — Herbst 2021

 

Bioboom 92 Coverbild

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