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Unter­wegs mit der Bio-Kon­trol­le
Nicht glau­ben, prüfen

Ist wirklich Bio drin, wo Bio draufsteht? Öko-Kontrolleurin Linda Tauber sorgt dafür, dass die Antwort ganz klar »Ja!« lautet. Sie besucht Unternehmen, die Bio-Ware herstellen, verarbeiten oder handeln. Ihr Motto: Nicht glauben, prüfen.
Bioboom Ausgabe 102 Vor Ort — Nicht glauben, prüfen — Unterwegs mit der Bio-Kontrolle
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Der Fluss Urff rauscht direkt unter dem alten Tanz­saal im Bad Zwes­te­ner Orts­teil Nie­der­urff. Einst wur­de hier gefei­ert, heu­te kön­nen hier im Dorf unver­pack­te Bio-Lebens­mit­tel ein­ge­kauft wer­den. Vor zwei Jah­ren hat Sascha Hüner­mann, 36, das Geschäft »Herr Krä­mer« in der nord­hes­si­schen Pro­vinz eröff­net, ein hal­bes Jahr spä­ter folg­te die Bio-Zer­ti­fi­zie­rung. Heu­te steht schon zum drit­ten Mal die Öko-Kon­trol­le vor sei­ner Tür. Den Ter­min hat sie ange­kün­digt. »Beim ers­ten Besuch war ich noch auf­ge­regt, doch jetzt weiß ich, wie alles läuft und bin ent­spannt«, sagt Sascha Hüner­mann. Der Unter­neh­mer, der im Haupt­be­ruf als Infor­ma­ti­ker arbei­tet, ist gut vor­be­rei­tet. Sei­ne gesam­te Buch­füh­rung läuft digi­tal. »Ich hal­te alle Unter­la­gen immer auf dem aktu­ells­ten Stand. Schließ­lich kann jeden Tag jemand von der Öko-Kon­troll­stel­le vor der Tür stehen.«

 

Unab­hän­gi­ge Kon­trol­len schüt­zen Verbraucher:innen

 

Heu­te ist es Lin­da Tau­ber, Fach­re­fe­ren­tin der Gesell­schaft für Res­sour­cen­schutz mbH (GfRS), die gleich am Mor­gen vor dem noch geschlos­se­nen Laden steht. Die 31-Jäh­ri­ge führt im Jahr rund 50 Bio-Kon­trol­len durch. In klei­ne Betrie­be, wie »Herr Krä­mer«, kommt sie allein, sonst sind sie auch schon mal zu zweit unter­wegs. »Ins­ge­samt sind wir 80 Mit­ar­bei­ten­de, die jähr­lich rund 5.000 Unter­neh­men kon­trol­lie­ren.« Nicht alle Betrie­be, die sie besu­chen, sind so gut vor­be­rei­tet wie Sascha Hüner­mann. Oft feh­len Unter­la­gen oder müs­sen erst müh­sam aus Akten­ber­gen her­aus­ge­sucht wer­den. »Je bes­ser die Unter­neh­men vor­be­rei­tet sind, umso schnel­ler geht es«, sagt Lin­da Tau­ber, die weiß, dass ihr Besuch sel­ten für Begeis­te­rung sorgt. »Es ist für vie­le Men­schen doch eine Art Prü­fungs­si­tua­ti­on, eini­ge sind spür­bar ange­spannt«, sagt sie und lächelt, »und dann wahr­schein­lich auch froh, wenn ich wie­der weg bin«. Über­all wo »Bio« oder »Öko« drauf­steht, muss es auch drin sein. So schreibt es die EU-Öko-Ver­ord­nung vor. Aus­nah­men gibt es nicht. Stren­ge Kon­trol­len sol­len Täu­schung oder unlau­te­ren Wett­be­werb ver­hin­dern. »Mit unse­rer Arbeit als unab­hän­gi­ge Kon­troll­stel­le schüt­zen wir also die Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher«, sagt Lin­da Tau­ber, die öko­lo­gi­sche Agrar­wis­sen­schaf­ten stu­diert hat und seit drei Jah­ren als Öko-Kon­trol­leu­rin Betrie­be prüft, die Bio­pro­duk­te erzeu­gen, ver­ar­bei­ten, lagern oder han­deln — vom land­wirt­schaft­li­chen Betrieb über den Schlacht­hof bis hin zum Bio-Groß­händ­ler. »Die Kun­din­nen und Kun­den müs­sen am Ende immer unter­schei­den kön­nen, ob sie ein Bio-Pro­dukt oder ein kon­ven­tio­nel­les Pro­dukt kaufen.«

 

 

 

 

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Höhe­res Risi­ko, häu­fi­ge­rer Besuch

 

Jeder Bio-Betrieb muss sich bei einer der aktu­ell 19 zuge­las­se­nen Öko-Kon­troll­stel­len in Deutsch­land mel­den. »Die Kon­troll­stel­len sind unab­hän­gi­ge Unter­neh­men, die sich eben­falls zer­ti­fi­zie­ren las­sen müs­sen«, sagt Lin­da Tau­ber. Die Kos­ten für die Öko-Kon­trol­le müs­sen die Betrie­be selbst bezah­len, je grö­ßer der Auf­wand, des­to höher die Kos­ten. Eine jähr­li­che Kon­trol­le schreibt die EU-Öko-Ver­ord­nung zwin­gend vor. Hin­zu kom­men unan­ge­kün­dig­te Stich­pro­ben. »Das ent­schei­den wir risi­ko­ori­en­tiert. In der fleisch­ver­ar­bei­ten­den Indus­trie oder auch in Schlacht­hö­fen besteht bei­spiels­wei­se ein höhe­res Risi­ko, dort kom­men wir häu­fi­ger unan­ge­kün­digt vor­bei.« Auch Unter­neh­men, bei denen es Auf­fäl­lig­kei­ten bei der Regel­kon­trol­le gab, müs­sen mit einem erneu­ten — unan­ge­kün­dig­ten — Besuch der Öko-Kon­troll­stel­le rech­nen. Eine gewis­se Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft bei der Kon­trol­le sei wich­tig. »Man­che Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer ver­ste­hen nicht, war­um Vor­ga­ben umge­setzt wer­den müs­sen«, sagt Lin­da Tau­ber. Da gerie­ten Gesprä­che schnell auf eine per­sön­li­che Ebe­ne, weil sich die Men­schen ange­grif­fen fühl­ten. »Mei­ne Auf­ga­be ist es dann, Din­ge in Ruhe zu erklä­ren, Abstand zu wah­ren und dar­auf zu behar­ren, dass das, was ich for­de­re, umge­setzt wird.« Auf­fäl­lig­kei­ten bei den Kon­trol­len kom­men immer mal wie­der vor: feh­len­de Doku­men­te, Unge­reimt­hei­ten in der Buch­hal­tung, falsch beschrif­te­te Ware.

 

Lie­fe­ran­ten­lis­ten, Lage­plä­ne, Zertifikate

 

Auch im Nie­der­urf­fer Unver­packt­la­den gab es beim letz­ten Besuch der Kon­troll­stel­le eine Bean­stan­dung. »Auf den Eti­ket­ten an den Laden­re­ga­len muss die Code-Num­mer der Kon­troll­stel­le ste­hen, ich hat­te aber die vom Lie­fe­ran­ten drauf­ge­schrie­ben«, sagt Sascha Hüner­mann. Er muss­te nach­bes­sern und schick­te Mus­ter­bei­spie­le der aktua­li­sier­ten Eti­ket­ten an die Kon­troll­stel­le. »Das pass­te soweit alles«, sagt Lin­da Tau­ber. Die Kon­trol­leu­rin und der Laden­be­sit­zer set­zen sich an einen Tisch im hin­te­ren Bereich des Ladens und klap­pen ihre Lap­tops auf. »Wir machen zuerst die Unter­la­gen«, sagt Lin­da Tauber.

 

In der nächs­ten hal­ben Stun­de gleicht sie die Betriebs­be­schrei­bung ab, über­prüft den Lage­plan, aktua­li­siert die Lie­fe­ran­ten­lis­te, lässt sich Zer­ti­fi­ka­te von Lie­fe­ran­ten zei­gen und hält fest, wel­che Waren im Sor­ti­ment kon­ven­tio­nell her­ge­stellt wer­den. Die Kon­trol­leu­rin greift nach einem klei­nen Schild auf dem Tisch, auf dem »Kaf­fee« steht. »Ist das Bio-Kaf­fee?«, fragt sie. »Nein, das ist eines unser weni­gen kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­te. Wir schen­ken ihn im Laden an unse­re Kund­schaft aus«, sagt der Laden­be­sit­zer und schaut nun doch etwas ver­un­si­chert. »Muss ich dabei irgend­was beach­ten?« Lin­da Tau­ber schaut sich um. »Schen­ken Sie auch Milch dazu aus?« Sascha Hüner­mann schüt­telt den Kopf. »Nur schwarz.« Die Kon­trol­leu­rin nickt zufrie­den. Auf dem Schild steht Kaf­fee und nicht Bio-Kaf­fee — so ist es rich­tig. Ein Groß­teil des Sor­ti­ments im »Herr Krä­mer« besteht aus Bio-Pro­duk­ten. Die Aus­nah­men müs­sen für die Kund­schaft klar erkenn­bar sein.

 

Men­gen­be­rech­nung für Plausibilität

 

Nach­dem der digi­ta­le Papier­kram erle­digt ist, ste­hen die bei­den auf und machen einen Rund­gang durch den Laden. Die Eier kom­men aus einem kon­ven­tio­nel­len Betrieb und wer­den nicht als Bio ange­prie­sen, genau­so wenig die in wei­ße Papier­tüt­chen ver­pack­te Zitro­nen­me­lis­se und der Majo­ran aus der Regi­on. »Das ist okay so«, sagt Lin­da Tau­ber und lässt ihren Blick wei­ter über die Pro­duk­te in den Rega­len schwei­fen. Das Eti­kett der Bio-Wal­nuss­ker­ne, die als Bruch in Schüt­ten ver­kauft wer­den, schaut sie sich genau­er an und foto­gra­fiert es ab. »Bei die­sem Pro­dukt möch­te ich eine Men­gen­be­rech­nung machen«, sagt sie. Der Laden­be­sit­zer nimmt die Schüt­te aus dem Regal, holt die noch ver­pack­te Ware aus dem Lager und legt alles zusam­men auf die Waa­ge. Den Wert gleicht die Kon­trol­leu­rin mit der ein­ge­gan­ge­nen und bereits ver­kauf­ten Ware ab. Am Ende muss ein plau­si­bler Wert ste­hen. »So soll die soge­nann­te ›wun­der­sa­me Bio-Ver­meh­rung‹ ver­mie­den und auf­ge­deckt wer­den«, sagt Lin­da Tau­ber, »es darf nicht mehr Bio ver­kauft als ein­ge­kauft wer­den.« Bei den Bio-Wal­nüs­sen berech­net die Kon­trol­leu­rin eine Dif­fe­renz von 0,8 Kilo. »In Unver­packt­lä­den gibt es immer etwas Schwund beim Umschüt­ten«, sagt die Kon­trol­leu­rin, »Abschrif­ten in klei­nen Men­gen sind völ­lig nor­mal.« Bei fer­tig ver­pack­ten Waren wäre das etwas ande­res. »Da müss­te ich auf jeden Fall nach­prü­fen, wie es dazu kom­men konnte.«

 

 

 

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Schwer­wie­gen­de Ver­stö­ße sind selten

 

Lin­da Tau­ber hat kla­re staat­li­che Vor­ga­ben, an die sich hal­ten muss. »Wir als Kon­troll­stel­le wer­den eben­falls von den Län­der­be­hör­den kon­trol­liert.« So kön­nen sich bei einer Kon­trol­le vor Ort jeder­zeit Mit­ar­bei­ten­de der Behör­den kurz­fris­tig anmel­den oder unan­ge­kün­digt vor der Tür des zu kon­trol­lie­ren­den Betriebs war­ten. »Bei einer von etwa zwan­zig Kon­trol­len ist das der Fall«, sagt die 31-Jäh­ri­ge. »Sie beglei­ten dann mei­nen Besuch, prü­fen also, ob ich mei­ne Arbeit rich­tig mache.« Lin­da Tau­ber kon­trol­liert nicht nur EU-Bio-zer­ti­fi­zier­te Betrie­be, sie ist auch für die Bio-Ver­bän­de Bio­land, Deme­ter und Natur­land im Ein­satz, die auf noch stren­ge­re Regeln set­zen. »Dafür wer­den wir von den Ver­bän­den regel­mä­ßig geschult.« Nach einer Kon­trol­le wer­den die Berich­te an die Ver­bän­de geschickt, die sie aus­wer­ten und dann im Nach­gang die Zer­ti­fi­ka­te ausstellen.

 

Auf schwer­wie­gen­de Ver­stö­ße trifft die Kon­trol­leu­rin sel­ten. »Wir haben ein dich­tes Kon­troll­netz. Das Risi­ko erwischt zu wer­den, ist also sehr hoch.« Betrug ist dem­entspre­chend sel­ten. Kürz­lich hat sie tat­säch­lich mal eine Piz­ze­ria kon­trol­liert, die Bio-Piz­za mit Bio-Toma­ten auf ihrer Spei­se­kar­te anpries, in der Küche gab es aber nur kon­ven­tio­nel­le Toma­ten. Der Gas­tro­nom sprach von einer unent­deck­ten Fehl­lie­fe­rung. Für die Kon­trol­leu­rin macht das kei­nen Unter­schied. » Das hät­te bei der Waren­ein­gangs­prü­fung auf­fal­len müs­sen. Ich schrei­be mei­nen Bericht und lei­te ihn wei­ter«, sagt Lin­da Tau­ber. »Die Piz­ze­ria wur­de im Nach­gang von uns abge­mahnt, weil das ein schwer­wie­gen­der Ver­stoß war.« Eine unan­ge­kün­dig­te Nach­kon­trol­le ist der Piz­ze­ria damit sicher. In beson­ders schlim­men Fäl­len dro­hen auch Geld­stra­fen. »Aber das ent­schei­den dann die Behörden.«

 

»Alles in bes­ter Ordnung«

 

Auch im »Herr Krä­mer« nimmt die Kon­trol­leu­rin jedes Regal in Augen­schein, zieht immer mal wie­der ein Pro­dukt her­aus oder stellt Fra­gen zum Lie­fe­ran­ten. »Wer­den alle Waren hier im Laden gela­gert?« Sascha Hüner­mann nickt und führt die Kon­trol­leu­rin zu einem oran­ge­nen Vor­hang, hin­ter dem sich der Lager­raum befin­det. In den blau­en Rega­len sta­peln sich Säcke, Kar­tons und Eimer. Der Laden­be­sit­zer zeigt eine Ver­pa­ckung, die ohne Eti­kett in sei­nem Laden ankam. »Das habe ich dann beim Her­stel­ler direkt nach­ge­for­dert.« Den ent­spre­chen­den Schrift­ver­kehr zeigt er der Kon­trol­leu­rin auf sei­nem Han­dy. Das von der GfRS bei der letz­ten Kon­trol­le aus­ge­stell­te Bio-Zer­ti­fi­kat hat Sascha Hüner­mann ein­ge­rahmt und für alle sicht­bar an die Wand gleich neben der Kas­se gehängt. Auch in die­sem Jahr wird er das Zer­ti­fi­kat bekom­men. »Er hat die Auf­la­gen vom letz­ten Jahr erfüllt und umge­setzt«, sagt die Kon­trol­leu­rin, »es war alles in bes­ter Ordnung.«

 

 

 

 

 

 


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Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 102 — Früh­jahr 2024

Bioboom Cover Ausgabe Nr. 102 — Frühjahr 2024

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