Es klingt wie eine Szene aus einem dystopischen Gruselfilm: Tech-Entrepreneur Bryan Johnson ließ sich Transfusionen mit dem Blut seines Sohnes geben, um ewig jung zu bleiben. Immunsuppressiva, Wachstumshormone, selbst Textilfarbe wurden von sogenannten Bio-Hackern (die Gattung ist interessanterweise so gut wie ausschließlich männlich) bereits als Jungbrunnen gehandelt. Wissenschaftlich belegbare, handfeste Beweise für die Wirksamkeit all dieser Mittel und Verfahren gibt es nicht. Das heißt nicht, dass es nicht grundsätzlich möglich sein könnte, die Alterung mit Hilfe bestimmter Medikamente hinauszuzögern: Auch seriöse Forschende haben eine Reihe von Substanzen im Blick, die dabei perspektivisch helfen könnten — wann ihre Wirkung am Menschen belegbar sein wird und wann sie in seriöse medizinische Protokolle umgesetzt werden können, ist Stand heute allerdings nicht absehbar.
Auf der Suche nach der ewigen Jugend
Der Wunsch nach einem Mittel, das die unausweichliche Alterung aufhält, ist so alt wie die Menschheit: Schon in antiken Legenden wird nach der Quelle der Jugend gesucht, im Mittelalter fahndete die Alchemie nach dem Elixier des Lebens. Es sind aber nicht nur Ur-Sehnsüchte der Menschheit oder die aufsehenerregenden Experimente milliardenschwerer Tech-Bros aus Silicon Valley, die dem Thema Longevity aktuell so breites Interesse verschaffen: Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Die Generation der Babyboomer erreicht das Rentenalter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung stetig und liegt mittlerweile bei fast 79 Jahren für Männer und 83,5 Jahren für Frauen. Mitte der 1970er sah das noch ganz anders aus: Da durften Männer lediglich mit ca. 69 Lebensjahren rechnen und Frauen mit zirka 76. Wenn viele Menschen immer älter werden, dann lohnt es sich für Individuen und Gesellschaft, zu schauen, wie diese Jahre möglichst gesund und autonom verbracht werden können.
Von der Altersforschung zum Wirtschaftsfaktor
Alterung ist ein schleichender Prozess: Die Milliarden Zellen in unserem Körper sind zeitlebens damit beschäftigt, sich zu teilen und den Körper laufend zu erneuern. Das tun sie gemäß dem Genom, der DNA, die sozusagen alle Baupläne enthält. Und dieser Prozess wird mit dem Alter störanfällig — Krankheiten entstehen. Die genetischen Voraussetzungen des Individuums spielen also eine Rolle bei der Lebenserwartung — allerdings sind sie nicht allein entscheidend, sondern nur zu zirka 20 Prozent. Das ist eine gute Nachricht: Denn das bedeutet, zu 80 Prozent entscheidet der individuelle Lebensstil.
Der Begriff Longevity stammt ursprünglich aus der Altersmedizin. Ungefähr seit den 2010er Jahren verbindet sich die Forschung zu den biologischen Mechanismen des Alterns immer stärker mit Biotechnologie, Bio-Hacking, kurz: dem Interesse an Selbstoptimierung. Mittlerweile ist das Thema im Mainstream angekommen. Unter Schlagzeilen wie »Was verlängert unser Leben wirklich?«, »Auf der Suche nach dem Jungbrunnen« oder »Was ist dran am Hype?« greifen Medien das Thema auf. Parallel dazu entwickelt sich das Geschäft mit Longevity zu einem Wirtschaftsfaktor: Privatpraxen und Wellness-Kliniken, Seminare und Coachings zu dem Thema boomen und selbstverständlich finden sich in den Regalen ganze Produktuniversen von Nahrungsergänzung bis zu Anti-Aging-Creme.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Präventionsmethoden für alle, die sich ein langes, gesundes Leben wünschen. Wenig überraschend: Die meisten dieser Stellschrauben sind längst bekannt. An erster Stelle: Gesunde Ernährung.
Stellschraube für gesundes Altern: Ernährung
Wenn es Stand heute nicht möglich ist, das Alter mit medizinischen — geschweige denn pseudo-medizinischen — Verfahren zu besiegen, was können wir tatsächlich tun, um die »Healthspan«, also die Zahl der Lebensjahre, die wir gesund und mit guter Lebensqualität verbringen, zu verlängern? Tatsächlich gibt es eine Reihe von Präventionsmethoden für alle, die sich ein langes, gesundes Leben wünschen. Wenig überraschend: Die meisten dieser Stellschrauben sind längst bekannt. An erster Stelle: Gesunde Ernährung. Was heute unter dem Stichwort Longevity empfohlen wird, ist in einer vollwertigen Bio-Ernährung seit Jahrzehnten gesetzt.
Auf dem Speiseplan stehen überwiegend Gemüse, Obst, Getreide in Form von Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten. Tierische Lebensmittel wie Milch, Milchprodukte, Eier, Fleisch und Fisch spielen eine untergeordnete Rolle, Zucker, industriell hochverarbeitete Lebensmittel und Alkohol gelten als ungünstig — so die Roadmap der »Gießener Formel«, die Anfang der 80er-Jahre von Prof. Dr. Claus Leitzmann, Dr. Karl von Koerber und anderen Ernährungswissenschaftler:innen entwickelt wurde. Sie begannen dabei nicht bei null: Bereits Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Pioniere wie der Schweizer Arzt Maximilian Otto Bircher-Benner und Professor Werner Kollath Erfahrungen mit alternativen Ernährungskonzepten gesammelt. Mit der Anfang der 90-er Jahre veröffentlichten Gießener Vollwert-Ernährungsstudie konnte gezeigt werden, dass diese Form der Vollwerternährung ernährungsabhängigen Krankheiten vorbeugen und damit gesundes Altern begünstigen kann. Claus Leitzmann ist heute übrigens 93 Jahre alt, nach wie vor aktiv und damit ein überzeugender Botschafter für für die von ihm entwickelten Grundsätze.
Nährstoffdichte ist entscheidend — Bio oft besser
Ob man es Longevity oder Vollwerternährung nennt: Entscheidend ist nicht allein, was man isst, sondern die Qualität der Lebensmittel: Reich an Mikronährstoffen sollen sie sein und frei von unerwünschten Substanzen wie Pestizidrückständen. Ganz klar, dass Bio-Lebensmittel hier extra punkten können. Denn der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden ist im ökologischen Landbau verboten. Entsprechend niedrig sind die in Bio-Lebensmitteln gefundenen Rückstände. Zwar sind auch konventionell erzeugte Lebensmittel in Deutschland in der Regel gering belastet. Allerdings: Gesetzliche Höchstmengen gelten jeweils für eine Substanz — Lebensmittel können jedoch mit gleich mehreren Pestiziden belastet sein, die sich aufsummieren. Die möglichen Wirkungen solcher »Pestizidcocktails« auf die Gesundheit und damit auch die Lebenserwartung sind kaum erforscht. Auch wenn es um den Nährstoffgehalt geht, hat Bio oft die Nase vorn: Zwar enthält Bio nicht automatisch mehr Nährstoffe, als das konventionelle Gegenstück. Einflüsse wie Sorte, Standort, klimatische Bedingungen, Lagerung etc. spielen ebenfalls eine große Rolle.
Aber die geernteten Produkte enthalten weniger Wasser und haben damit eine höhere Nährstoffdichte — dass das ernährungsphysiologisch vorteilhaft ist, liegt auf der Hand. Das betrifft auch eine Gruppe von Substanzen, die für das Thema Langlebigkeit besonders interessant ist: Die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe. Dazu zählen Farbstoffe, aber auch Stoffe, mit denen sich die Pflanze vor Fressfeinden oder Sonne schützt, wie Antioxidanzien, Flavonoide, phenolische Substanzen und unzählige mehr. Sie spielen eine wichtige, noch nicht vollständig erforschte, Rolle für die menschliche Gesundheit und sind wahrscheinlich wesentlich verantwortlich für den positiven Effekt von Obst und Gemüse auf die Gesundheit. Da im Bio-Landbau Pestizide und Kunstdünger tabu sind, ist zu vermuten, dass die Pflanzen, zum Beispiel zur Abwehr von Fressfeinden, mehr von diesen Substanzen bilden.
Eine Studie britischer Forschender kam bereits 2011 zu dem Schluss: Würde man von 100 Prozent konventioneller Ernährung auf 100 Prozent Bio umsteigen, würde man 12 Prozent mehr sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe zu sich nehmen. Auch bei tierischen Lebensmitteln wirkt sich Haltung auf die Qualität aus, zum Beispiel bei Milch: Wenn sich Kühe auf der Weide von Gras und Kräutern ernähren dürfen, hat ihre Milch einen höheren Gehalt an »guten« Fettsäuren, wie zum Beispiel n‑3 Linolensäuren oder konjugierter Linolensäure, als die von Tieren aus agrarindustrieller Tierhaltung. Zum Schluss noch eine Erkenntnis zum Thema Longevity und Ernährung, die alle, die leidenschaftlich gerne essen, vielleicht weniger begeistert: Es hat den Anschein, dass eine eher moderate Kalorienzufuhr, so wie sie das japanische »hara hachi bu« (ungefähr: iss, bis du zu 80 Prozent satt bist) formuliert, Alterungsprozesse verlangsamen kann, indem die Reparatur von Körperzellen angekurbelt wird.

Kein Mensch ist eine selbstoptimierte Insel. Wir leben mit anderen Menschen, in sozialen Gefügen, von und mit der Natur. Wir brauchen Familie und Freunde, ein funktionierendes soziales Umfeld, reine Luft und sauberes Wasser. Wir brauchen funktionierende Öko-Systeme.
Was in den »Blue Zones« anders ist
Anfang der Nullerjahre identifizierte der US-Journalist Dan Buettner fünf Regionen der Welt in Japan, Italien, Griechenland, Costa Rica und den USA, in denen Menschen statistisch betrachtet besonders langlebig sein sollten. Seine Erkenntnisse gelten als nicht evidenzbasiert, spannend sind sie trotzdem. Er nennt insgesamt neun gemeinsam Faktoren: Darunter eine pflanzenbasierte Ernährung, in der viele Hülsenfrüchte und wenig Alkohol konsumiert wird, moderate körperliche Bewegung — und eine hohe Priorität von sozialen Strukturen wie Familie und Freundeskreis sowie gesellschaftlichem Engagement. Auch den Pionier:innen der Vollwerternährung ging es übrigens nicht in erster Linie um die individuelle Optimierung: Neben dem Gesundheitsaspekt sind die Schonung der Umwelt, faire Wirtschaftsbeziehungen und soziale Gerechtigkeit auch in der Vollwerternährung und Bio-Bewegung von Anfang an mitgedacht.
Kontrolle durch Selbstoptimierung
Der Longevity-Trend präsentiert sich aktuell in weiten Teilen als gut zu vermarktender und wirtschaftlich attraktiver Trend zur Selbstoptimierung des Individuums. Im Fokus stehen oft persönliche Bio-Marker, individualisierte Ernährungs- und Bewegungskonzepte. In einer Zeit, die von rapider Veränderung verschiedenster Lebensbereiche geprägt ist, sei es die Klimakatastrophe, die Entwicklung der künstlichen Intelligenz oder die globalen politischen Krisen, ist es verlockend, wenigstens den eigenen Körper kontrollieren zu wollen. Doch das ist natürlich eine Fiktion. Im Sommer dieses Jahres gab Bio-Hacker Bryan Johnson bekannt, dass er an einer Immunkrankheit leidet. Genetik oder auch schlicht Pech bleiben eben doch Faktoren, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen.
Ein gutes Leben in funktionierenden Systemen
Vor allem aber: Kein Mensch ist eine selbstoptimierte Insel. Wir leben mit anderen Menschen, in sozialen Gefügen, von und mit der Natur. Wir brauchen Familie und Freunde, ein funktionierendes soziales Umfeld, reine Luft und sauberes Wasser. Wir brauchen funktionierende Öko-Systeme. Und angesichts von Erderwärmung, Umweltverschmutzung und Biodiversitäts-Schwund lässt sich konstatieren, dass es sowohl um die Health- als auch die Lifespan der globalen Öko-Systeme aktuell nicht gut bestellt ist. Und das ist auch für extrem privilegierte Longevity-Fans am Ende des Tages keine gute Nachricht: Wer würde mit 120 Jahren noch fit und munter in einem klimatisierten Raum auf dem Laufband stehen wollen, aber vereinsamt sein und aufgrund von Hitze oder Luftverschmutzung nicht mehr ins Freie gehen können?
Ein langes und gesundes Leben — dieser Wunsch, der so alt ist wie die Menschheit selbst, kann nur in Erfüllung gehen in einer gesunden und lebenswerten Welt. Die Pionier:innen der Vollwerternährung und Bio-Bewegung haben beide Aspekte gedacht. Ob man das jetzt Longevity nennt, Vollwerternährung oder einfach gesunden Menschenverstand — das sei jeder und jedem selbst überlassen.
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