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Bioboom-Vor-Ort-Der-Weizen-Und-Die-Weltlage

Die Elb­land Bio­müh­le
Der Wei­zen und die Weltlage

Die Elbland-Biomühle verarbeitet kein Mehl aus der Ukraine. Trotzdem haben die Folgen des Krieges die Mühle im niedersächsischen Rosche längst erreicht.
Bioboom Vor Ort – Der Weizen und die Weltlage – Frank Plüschke und Sebastian Stein
Bioboom Vor Ort – Der Weizen und die Weltlage – Frank Plüschke und Sebastian Stein

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Mit­ten im nord­west­deut­schen Tief­land, von Wie­sen und Äckern umrahmt, steht die Elb­land Bio-Müh­le. Die grün-blaue Fas­sa­de und die zwei gro­ßen Silos sind auf dem fla­chen Land weit­hin sicht­bar. Graue, regen­ge­tränk­te Wol­ken zie­hen über den Him­mel, wäh­rend der Wind über den asphal­tier­ten Hof pfeift. »Wir arbei­ten momen­tan bis an die Erschöp­fungs­gren­ze«, sagt Frank Plüsch­ke, 58, Geschäfts­füh­rer der Flecht­dor­fer Müh­le, zu der auch die Elb­land Bio-Müh­le gehört. »Die Nach­fra­ge ist auf­grund der Kri­sen­si­tua­ti­on höher, als das, was die Müh­len wirt­schaft­lich leis­ten können.«

 

Ukrai­ne und Russ­land – die Korn­kam­mern der Welt

 

»Die Ukrai­ne ist in Bezug auf den welt­wei­ten Wei­zen-Export­markt ein Block­bus­ter«, sagt Frank Plüsch­ke. »Russ­land und die Ukrai­ne ver­sor­gen die afri­ka­ni­schen und ara­bi­schen Län­der mit Wei­zen«, sagt er. Die Expor­te lau­fen über das Asow­sche und Schwar­ze Meer, also über die Regio­nen, die heu­te beschos­sen und in denen See­mi­nen immer mehr zur Gefahr wer­den. Wenn die Wei­zen-Expor­te aus­blei­ben, ist Hun­ger die Fol­ge. In vie­len Län­dern kön­nen sich ärme­re Men­schen schon heu­te die Lebens­mit­tel auf­grund der rasant stei­gen­den Prei­se kaum noch leisten.

 

»Und obwohl unse­re Bio-Getrei­de gar nicht aus Russ­land oder der Ukrai­ne kommt, hat die Situa­ti­on Fol­gen für unse­ren hei­mi­schen Markt«, sagt Frank Plüsch­ke. Denn die Prei­se für den Wei­zen wer­den am Welt­markt gehan­delt. »Eine Ver­knap­pung am Welt­markt hat explo­die­ren­de Prei­se zur Fol­ge. Der Wei­zen­preis hat sich inner­halb von weni­gen Wochen ver­dop­pelt.« Mitt­ler­wei­le, so der Exper­te, sei bis zur Ern­te kaum noch Bio-Wei­zen zu bekom­men. »Der Markt ist so gut wie leer.« Sprich: Wer kei­ne Kon­trak­te hat oder jetzt spon­tan mehr pro­du­zie­ren möch­te, kann das nur, wenn er erheb­lich drauf­zahlt. Und nicht nur das knap­pe Ange­bot ver­teu­ert das Mehl. »Die Prei­se von Die­sel, Strom und die Ver­pa­ckung haben sich eben­falls ver­dop­pelt, der Preis vom Gas sogar ver­viel­facht«, sagt Frank Plüsch­ke. In Rosche sind die Silos gut gefüllt. »Wir sind vor­sich­ti­ge Mül­ler«, sagt der Geschäfts­füh­rer, »wenn wir Kon­trak­te über 1000 Ton­nen Mehl schlie­ßen, kau­fen wir 1300 Ton­nen Getrei­de ein.«

 

In ande­ren Müh­len wer­den Mehl-Ver­käu­fe mehr oder weni­ger eins zu eins mit Getrei­de gegen­ge­deckt. Doch bei der Elb­land Bio-Müh­le berech­nen sie den Ein­kauf groß­zü­gig. »Das macht es der­zeit über­haupt erst mög­lich, lie­fer­fä­hig zu sein.« Wer heu­te mehr Mehl kau­fen will, als in den Kon­trak­ten mit der Müh­le ver­ein­bart, muss aller­dings drauf­zah­len. »Der aktu­el­le Mehl­preis ist etwa dop­pelt so hoch wie vor­her«, sagt Frank Plüsch­ke, »wenn wir die Prei­se nicht erhö­hen, könn­ten wir hier inner­halb von acht Wochen den Schlüs­sel rumdrehen.«

 

 

»Nur weil wir uns in einer Kri­se befin­den, wer­fen wir nicht alles, was wir erreicht haben, über den Haufen.«

 

Öko­no­mie und Öko­lo­gie in Ein­klang bringen

 

Über neun Mil­lio­nen Bio-End­ver­brau­cher­ver­pa­ckun­gen- und tüten pro­du­ziert die Elb­land Bio-Müh­le jedes Jahr. Sie ver­mahlt Rog­gen, Wei­zen und Din­kel, wobei Wei­zen den größ­ten Teil aus­macht. »Wir lie­fern Fremd­mar­ken, haben aber auch unse­re Eigen­mar­ke«, sagt Werks­lei­ter Sebas­ti­an Stein, 41. Das Getrei­de kommt zu rund zwei Drit­teln aus Deutsch­land. »Wir ken­nen unse­re Land­wir­te, besu­chen sie vor Ort, schau­en, wie sie arbei­ten. Das ist uns wich­tig.« Das rest­li­che Getrei­de kommt aus EU-Län­dern, bei­spiels­wei­se aus Polen, aber auch aus den bal­ti­schen Staa­ten. »Die­se Betrie­be ken­nen wir eben­falls per­sön­lich«, sagt Sebas­ti­an Stein. Über das Meer sei der Trans­port vom Bal­ti­kum aus pro­blem­los mög­lich – und nach­hal­tig sei er auch. »Wir sind hier ja nicht so weit weg vom Was­ser.« Der Trend gehe aber zum deut­schen Bio-Getrei­de. Je regio­na­ler des­to bes­ser. »Immer mehr Betrie­be fas­sen regio­nal Fuß und stel­len ihre Äcker auf Bio um«, sagt Sebas­ti­an Stein. Und die Bran­che pro­fes­sio­na­li­sie­re sich. »Die Pro­fi-Bio­be­trie­be sind kei­ne Klein­gärt­ner mehr«, ergänzt Frank Plüsch­ke. Bio kön­ne heu­te nicht mehr mit Bio von vor fünf oder zehn Jah­ren ver­gli­chen wer­den. »Durch gute Bewirt­schaf­tung der Flä­chen schaf­fen sie es, akzep­ta­ble Erträ­ge zu errei­chen.« Das sei wich­tig, damit mehr Bio pro­du­ziert wer­den kann. »Noch ernährt die kon­ven­tio­nel­le Land­wirt­schaft die Welt. Die Erträ­ge im kon­ven­tio­nel­len Bereich sind min­des­tens dop­pelt so hoch, wie die Erträ­ge auf Bio-Äckern.« Trotz­dem sieht der Geschäfts­füh­rer auch in der der­zei­ti­gen Lage kei­nen Grund, die Nach­hal­tig­keits- und Kli­ma­zie­le hin­ten­an­zu­stel­len. »Schon aus öko­no­mi­schen Grün­den ver­su­chen wir Ener­gie, wo immer mög­lich, ein­zu­spa­ren.« Öko­lo­gie und Öko­no­mie müss­ten kein Wider­spruch sein. »An dem ener­gie­auf­wen­di­gen Pro­zess kön­nen wir nichts ändern, aber wir kön­nen ihn steu­ern und so nach­hal­tig gestal­ten wie mög­lich.« Jetzt die Uhren zurück­zu­dre­hen, sei kei­ne Opti­on. »Nur weil wir uns in einer Kri­se befin­den, wer­fen wir nicht alles, was wir erreicht haben, über den Haufen.«

 

Moder­ni­sier­tes Handwerk

 

Wo einst Wind­rä­der die Müh­le antrie­ben, mahlt heu­te hoch­mo­der­ne Tech­nik das Getrei­de. Gera­de erst wur­de die Elb­land-Bio­müh­le moder­ni­siert: Wän­de, Böden und Decken wur­den neu beschich­tet und ver­sie­gelt, die Maschi­nen erneu­ert. »Ein Schätz­chen«, nennt Werks­lei­ter Sebas­ti­an Stein die Müh­le. Schnel­len Schrit­tes läuft er vom Büro­ge­bäu­de aus über den Hof bis zur eigent­li­chen Müh­le hin. »Zwölf Getrei­de­zel­len hat die Müh­le auf dem eige­nen Gelän­de«, erklärt er, »genug Platz für ca. 2.500 Ton­nen Getrei­de, zusätz­lich wer­den exter­ne Getrei­de­si­los genutzt.« In der Müh­le geht es zunächst nach ganz oben. Hier beginnt für das Korn sei­ne Rei­se durch die Müh­le bis es fünf­zehn Minu­ten spä­ter als gemah­le­nes Pro­dukt wie­der her­aus­kommt. Trotz des Pro­duk­ti­ons­drucks sind die meis­ten Räu­me der Müh­le men­schen­leer. Nur die Maschi­nen rat­tern laut und unun­ter­bro­chen vor sich hin. Der Boden wummert.

 

»Mül­ler wer­den? Da kommt ein­fach kei­ner drauf«

 

»Wir kom­men jetzt zum Herz unse­rer Müh­le, dem Wal­zen­bo­den«, sagt Sebas­ti­an Stein, »dort ste­hen die Wal­zen­stüh­le.« Auch hier ver­hin­dert der Lärm fast jedes Gespräch. Erst im Kon­troll­raum brummt das Wum­mern der Maschi­nen nur noch dumpf durch die Schei­ben. Am Schalt­schrank steht Mül­ler­ge­sel­le Jörn Jan­sen. Die zahl­rei­chen Schal­ter, Lich­ter und Knöp­fe sind mit Mehl bestaubt. Lang­sam dreht Jörn Jan­sen an einem schwar­zen Knopf und blickt dabei auf eine Anzei­ge wei­ter oben. Lan­ge ver­bringt er nicht in dem Raum, ein paar Minu­ten viel­leicht, dann ist er wie­der in der Müh­le unter­wegs. Der gelern­te Tisch­ler hat in der Elb­land Bio-Müh­le zunächst als Maschi­nen­an­la­gen­fah­rer gear­bei­tet. »Und dann bin ich irgend­wie hier hän­gen­ge­blie­ben«, sagt er und lacht. »Uns fehl­ten die Mül­ler und er hat sei­nen Job gut gemacht, also haben wir ihm eine Aus­bil­dung ange­bo­ten«, sagt Sebas­ti­an Stein. Nie­mand beschlie­ße von sich aus , Mül­ler zu wer­den, »da kommt ein­fach kei­ner drauf. Man muss schon dar­über stol­pern.« Dass Jörn Jan­sen in der Müh­le arbei­tet, ist für Geschäfts­füh­rer Frank Plüsch­ke auch ein Bau­stein im Nach­hal­tig­keits­kon­strukt des Unter­neh­mens. Nun füh­re er die Müh­le mit. Was die drei Män­ner eint, ist die Lei­den­schaft für das Pro­dukt Mehl. »Da steckt so viel Lie­be der Land­wirt­schaft drin und so viel Know­how«, sagt Sebas­ti­an Stein. Er öff­net eine Luke und ent­nimmt eine Pro­be des gemah­le­nen Korns, es wird gefach­sim­pelt. Danach macht der Geschäfts­füh­rer zusam­men mit dem Werks­lei­ter noch einen Abste­cher ins Lager. Im Gegen­satz zur Müh­le herrscht im Lager emsi­ges Trei­ben. Auf einen Last­wa­gen wer­den palet­ten­wei­se Mehl­pa­ckun­gen ver­la­den. Alle grü­ßen sich, wech­seln ein paar Wör­ter mit­ein­an­der, lachen. »Ein gro­ßes Lob geht an unser Team«, sagt Sebas­ti­an Stein, »obwohl der Anspruch und die Stun­den­leis­tung gera­de so hoch sind, kom­men sie immer noch mit Freu­de zur Arbeit.«

 

 

 

»Wenn wir die­sen gan­zen Kri­sen über­haupt etwas Posi­ti­ves abge­win­nen könn­ten, ist es, dass das Mehl mal wie­der mehr ins Bewusst­sein der Men­schen gerät.«

 

Mehl im Über­fluss – eigentlich

 

Der Geschäfts­füh­rer blickt der­weil auf die bis unter die Hal­len­de­cke gesta­pel­ten Mehl­pa­ckun­gen in den Rega­len. Die Angst vor lee­ren Mehl-Rega­len sei nicht ganz unbe­grün­det. Zwar wird in Deutsch­land theo­re­tisch genü­gend Wei­zen ange­baut, um Mensch und Tier hier­zu­lan­de zu ernäh­ren. Doch in Deutsch­land wird Wei­zen nicht nur als Nah­rungs­grund­la­ge und Fut­ter, son­dern auch für die Her­stel­lung von Bio­die­sel genutzt. »Des­halb müs­sen wir Getrei­de ein­füh­ren, obwohl wir – was die mensch­li­che Ernäh­rung angeht – ein Über­fluss­land sind.« Momen­tan wis­se nie­mand, wie sich die Lage ent­wi­ckelt. Ungarn hat bereits ein Export­ver­bot für Getrei­de ver­hängt. »Auch in Polen und Tsche­chi­en sieht es nicht gut aus«, sagt Frank Plüsch­ke. Wann die Fel­der reif für die Ern­te sind, kön­ne nie­mand vor­her­sa­gen. Auf­grund der Wit­te­rungs­ein­flüs­se ist der Ern­te­zeit­punkt nicht fix. In man­chen Jah­ren ist es schon im Juli soweit, in ande­ren müs­sen sich die Landwirt:innen und damit auch die Müh­len bis Mit­te August gedulden.

 

Mehr Wert­schät­zung für Mehl und das, was dar­aus wird

 

Was in Deutsch­land feh­le, sei die Wert­schät­zung für das Pro­dukt Mehl, fin­det Frank Plüsch­ke. »Ein Kilo Bio-Mehl kos­tet etwa 1,50 Euro und mit etwas Was­ser und Salz kann ich dar­aus etwa 30 Bröt­chen backen«, rech­net er vor, »damit bekom­men Sie eine vier­köp­fi­ge Fami­lie zwei Tage lang satt.« Doch statt in den Mägen der Men­schen lan­den Brot und Back­wa­ren in vie­len deut­schen Haus­hal­ten in Müll­ei­mern und grü­nen Ton­nen. »Wenn wir die­sen gan­zen Kri­sen über­haupt etwas Posi­ti­ves abge­win­nen könn­ten, ist es, dass das Mehl mal wie­der mehr ins Bewusst­sein der Men­schen gerät.« In den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten wer­de das Grund­nah­rungs­mit­tel durch die kri­sen­ge­schüt­tel­te und von Kli­ma­ka­ta­stro­phen auf­ge­rüt­tel­te Welt noch viel mehr in den Fokus geraten.

 

Denn fast jeder jeder Mensch kon­su­miert täg­lich Wei­zen, bezie­hungs­wei­se Mehl: als Brot, Nudeln, Salz­stan­ge, Kuchen oder auch in Form von Stär­ke in Geträn­ken. »Mehl ist ein total unter­schätz­tes Pro­dukt und wird für selbst­ver­ständ­lich genom­men.« Doch schon heu­te hun­gern nach Schät­zun­gen der Welt­hun­ger­hil­fe bis zu 811 Mil­lio­nen Men­schen, über zwei Mil­li­ar­den lei­den an Man­gel­er­näh­rung. Und die Welt­be­völ­ke­rung wächst rasant. »Wir haben jedes Jahr rund 80 Mil­lio­nen Men­schen mehr auf die­sem Pla­ne­ten, in zwölf Jah­ren sind das knapp eine Mil­li­ar­de.« Und die müs­sen ernährt werden.

 

 


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→ Kris­tin Kasten

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 95 — Som­mer 2022

 

 

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