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Solidarische Landwirschaft 42

Gren­zen­los solidarisch

Die Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft 42 in Frankfurt am Main erhalten ihr Gemüse von einem ­nahegelegenen Bio-Bauernhof. Seit vier Jahren kooperieren sie darüber hinaus mit einer über 2000 Kilometer entfernten Olivenöl-Genossenschaft in Griechenland. Ein Widerspruch? Keineswegs. 
Solidarische Landwirschaft 42

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Ein Euro pro Liter für huma­ni­tä­res Projekt

 

Und es gibt noch einen wei­te­ren soli­da­ri­schen Aspekt: Die übri­gen fünf Euro pro 5‑Li­ter-Kanis­ter gehen an ein huma­ni­tä­res Pro­jekt vor Ort. In die­sem Jahr war es eine Bür­ger­initia­ti­ve auf Les­bos, die Jugend­li­che betreut, die im »Dschun­gel« von Moria leb­ten, also in den Büschen um das Camp her­um. »Noch bes­ser wäre es natür­lich, wenn es ein Camp wie Moria gar nicht geben müss­te«, sagt Mari­us, 27, der gera­de den Ern­te­an­teil für sich und sei­nen WG-Mit­be­woh­ner abho­len will, »aber es gibt es nun mal«, daher unter­stüt­ze er das Hilfs­pro­jekt gerne.

 

Von sei­nem 5‑Li­ter-Kanis­ter, den er im letz­ten Jahr gekauft hat, sei­en noch zwei Liter über, dar­um habe er bei der letz­ten Lie­fe­rung im April aus­ge­setzt. Damals wur­den 2900 Liter inner­halb von drei Stun­den ver­teilt. Einer, der gleich meh­re­re Kanis­ter gekauft hat, ist David, 38, der über den Hof gelau­fen kommt und bei Alexis ste­hen­bleibt. »Wir bekom­men das Öl erzeu­ger­nah gelie­fert, ohne Groß­händ­ler dazwi­schen. Alle Abläu­fe sind trans­pa­rent und auch preis­lich liegt es voll im Rah­men«, sagt der Fami­li­en­va­ter, der seit drei Jah­ren Mit­glied der Solawi42 ist, »und schme­cken tut es auch.« Alexis nickt, »es gab auch schon wie­der vie­le Anfra­gen. Even­tu­ell gibt es im Novem­ber die nächs­te Lieferung.«

 

Sai­so­nal limi­tier­te Vielfalt

 

Das Oli­ven­öl müs­sen die Mit­glie­der der Sola­wi vor­be­stel­len, eben­so wie den fair gehan­del­ten Bio-Tee aus Indi­en, um des­sen Lie­fe­rung sich ein Mit­glied der Sola­wi immer küm­mert. Die Lie­fe­rung vom Bir­ken­hof hin­ge­gen kommt regel­mä­ßig und ist jedes Mal eine Über­ra­schung. »Ich habe hier eigent­lich erst rich­tig gelernt, was regio­nal und sai­so­nal ist«, sagt David. »Bei Hafer­wurz wuss­te ich nicht mal, was das ist und Pas­ti­na­ke habe ich als Kind das letz­te Mal geges­sen«, sagt er und lacht. ­Alexis geht es ähn­lich. »Pos­te­lein und schwar­zen Ret­tich kann­te ich vor­her nicht.« Sein gan­zes Ernäh­rungs­ver­hal­ten habe sich geän­dert. »Und ich ver­brin­ge mehr Zeit in der Küche, auch weil das Gemü­se nicht in dem Maße gerei­nigt und makel­los ist.« Der Geschmack mache die Mehr­ar­beit aber wie­der wett. Die Essens­pla­nung für die nächs­ten Tage beginnt bei Alexis in dem Moment, in dem er den Kel­ler verlässt.

 

Genau­so ergeht es Danie­la, 31, die ihre ers­te Sai­son dabei ist. »Aber ich fin­de das tat­säch­lich span­nend, auch dass man her­aus­ge­for­dert wird, etwas Neu­es zu machen.« Im Win­ter habe es Win­ter­por­tu­lak gege­ben, »das ist ein Win­ter­sa­lat, den ich aber noch nie im Laden gese­hen hat­te.« Er sei »super lecker« gewe­sen. Genau­so wie der fri­sche Spi­nat, der sogar ihren anfangs noch skep­ti­schen Mann über­zeugt habe. Woher die anfäng­li­che Skep­sis kam? Der Preis. »Es ist ja schon einen Ticken teu­rer. Aber ich mag es, zu wis­sen, wo mein Gemü­se her­kommt.« Zudem gebe es immer wie­der Mails, in denen auch die Pro­ble­me des Bau­ern­paa­res the­ma­ti­siert wer­den. »Im Super­markt sieht man nur das makel­lo­se Gemü­se, ohne zu wis­sen, was damit ver­bun­den ist.«

 

 

Fair, nach­hal­tig, global

 

Und so stei­gen die Mit­glie­der­zah­len der Solawi42 ste­tig an. Momen­tan gebe es Bemü­hun­gen ein zwei­tes Depot in einem ande­ren Stadt­teil auf­zu­ma­chen, sagt Alexis. »Das wür­de unse­re Kapa­zi­tä­ten deut­lich erwei­tern.« Bei fast allen Sola­wis in Deutsch­land gebe es War­te­lis­ten, »auch wir haben eine Inter­es­sen­ten­lis­te für das nächs­te Ern­te­jahr.« Ob es dann neben dem Oli­ven­öl und dem indi­schen Tee noch wei­te­re aus­län­di­sche Pro­duk­te geben wird, bleibt abzu­war­ten. »Die Bau­ern und Bäue­rin­nen aus Grie­chen­land haben uns auch Ore­ga­no ange­bo­ten, aber da haben wir abge­lehnt.« Kräu­ter kön­ne man auch pro­blem­los in Deutsch­land anbauen.

 

Ande­re Ideen wur­den hin­ge­gen bereits dis­ku­tiert, wie den Ein­kauf vom fair und nach­hal­tig pro­du­zier­ten Teikei-Kaf­fee, der mit dem Segel­schiff aus Mexi­ko impor­tiert wird. »Aber bis­lang hat­te ein­fach noch nie­mand Zeit, sich dar­um zu küm­mern«, sagt Alexis. Auch Alter­na­ti­ven zum grie­chi­schen Oli­ven­öl wären denk­bar. »Viel­leicht ent­deckt jemand eine loka­le Bio-Son­nen­blu­men­öl­pro­duk­ti­on, dann könn­ten wir das ­Oli­ven­öl abschaf­fen.« Aber das sei noch Zukunfts­mu­sik. Es gebe nur sehr weni­ge Bio-Pro­duk­ti­ons­or­te in der Umge­bung. »Die Lage ist desas­trös«, sagt Alexis, »es gibt ein paar Leucht­turm­pro­jek­te, aber wir haben noch einen lan­gen Weg vor uns.« Und so wer­den sich schon bald die nächs­ten Palet­ten mit soli­da­ri­schem Oli­ven­öl auf ihren Weg von Grie­chen­land nach Frank­furt machen. © Fotos: Solawi42 und Kris­tin Kasten

 

solawi42.org

→ Kris­tin Kasten

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 89 — Win­ter 2020

 

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