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Kopf und Bauch

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Kein zurück zum »business as usual«

Essen bes­ser machen

Corona hat den Blick geschärft: Unsere Konsumwelt ist instabil und ungerecht, Großstrukturen und globalisierter Welthandel sind fragil. Vier Lehren aus einer schwierigen Zeit. Die meisten Geschäfte und alle Restaurants geschlossen, ebenso Kitas und Schulen.
Kein zurück zum »business as usual«

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LEH­RE DREI

Der glo­ba­le Han­del muss fai­rer werden

 

Bei aller auf­kom­men­den Besin­nung auf hei­mi­schen Anbau und regio­na­le Han­dels­struk­tu­ren: Der Mensch lebt nicht nur von Kräu­ter­tee und Mar­me­la­de, hei­mi­schen Äpfeln und Kar­tof­feln, Hafer­flo­cken und Brot. Mor­gens eine Tas­se Kaf­fee und ein Bröt­chen mit Scho­ko-Auf­strich, in der Früh­stücks­pau­se eine Bana­ne, zum Mit­tag dann ein Reis­ge­richt, fein abge­schmeckt mit Ing­wer und Kokos­milch: Ganz ehr­lich, wer von uns woll­te auf die glo­ba­li­sier­te Waren­welt kom­plett ver­zich­ten? Müs­sen wir ja auch nicht – aller­dings soll­ten wir uns auch der Men­schen auf der ande­ren Sei­te der Waren­ket­te bewusst sein. All­zu oft wer­den für preis­wer­ten Kakao, Kaf­fee, tro­pi­sche Früch­te und ande­re Pro­duk­te Men­schen­rech­te miss­ach­tet, die Umwelt geschä­digt, Hun­ger­löh­ne und Dum­ping­prei­se gezahlt. Unfai­re Han­dels­prak­ti­ken sind Teil eines »nor­ma­len« Wirt­schafts­sys­tems, in dem grund­sätz­lich mög­lichst kos­ten­güns­tig pro­du­ziert und ver­kauft wer­den soll.

 

 

Unfai­re Han­dels­prak­ti­ken sind Teil eines »nor­ma­len« Wirt­schafts­sys­tems, in dem grund­sätz­lich mög­lichst kos­ten­güns­tig pro­du­ziert und ver­kauft wer­den soll

 

In der Bio-Bran­che ach­ten vie­le Ver­ar­bei­ter auf fai­re Wirt­schafts­be­zie­hun­gen im glo­ba­len Han­del. Das erwies sich zu Coro­na-Zei­ten als wich­ti­ger denn je, denn in vie­len Län­dern der Welt gab es zwar auch einen Lock­down, aber kein Kurz­ar­bei­ter­geld, kei­ne Wirt­schafts­hil­fen oder ande­re staat­li­che Unter­stüt­zung. Für die Land­wir­te oder Koope­ra­ti­ven im glo­ba­len Süden war es da Gewinn und Beru­hi­gung, soli­da­ri­sche Unter­neh­men am ande­ren Ende der Welt auf ihrer Sei­te zu wis­sen, die bei Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen oder gar ‑aus­fäl­len kom­pro­miss­be­reit reagie­ren – auch wenn sie selbst finan­zi­ell manch­mal dabei drauf­zahl­ten. Die Vor­stands­vor­sit­zen­de des Forums Fai­rer Han­del, Andrea Füt­te­rer, beschreibt den Unter­schied so: »Fair-Han­dels­un­ter­neh­men wol­len die Kri­se gemein­sam mit ihren Part­nern über­ste­hen und nicht auf deren Kos­ten.« Von der Poli­tik for­dert sie, dass sol­che zukunfts­taug­li­chen und dem Gemein­wohl ver­pflich­te­ten Han­dels­prak­ti­ken zur Leit­li­nie einer neu­en Wirt­schafts­po­li­tik nach Covid-19 gemacht wer­den. Ein wich­ti­ger ers­ter Schritt dazu wäre ein star­kes Lie­fer­ket­ten­ge­setz, das deut­sche Unter­neh­men dazu ver­pflich­tet, Men­schen­rech­te zu ach­ten, Umwelt­zer­stö­rung zu ver­mei­den und bei Schä­den zu haf­ten – auch, aber nicht nur im Lebensmittelbereich.

 

LEH­RE VIER

Auf das Wesent­li­che zurückbesinnen

 

Die Voll­brem­sung des öffent­li­chen Lebens hat­te auch etwas Gutes. Vie­le Men­schen hier­zu­lan­de hat­ten zwangs­läu­fig viel Zeit. Zeit, die oft dazu genutzt wur­de, auf­zu­räu­men: den Klei­der­schrank, das Wohn­zim­mer­re­gal, den Kel­ler, die Gara­ge. Dabei kam viel Über­flüs­si­ges zum Vor­schein. So wie wir damals die Woh­nung aus­mis­te­ten, so ist es jetzt Zeit, unser Ernäh­rungs­ver­hal­ten zu ent­rüm­peln und den Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft anzu­pas­sen. Rüs­ten wir uns schon mal für die nächs­ten Kri­sen­zei­ten – und zwar nicht unbe­dingt, indem wir unse­re Vor­rä­te auf­sto­cken. Son­dern indem wir uns auf das Wesent­li­che zurück­be­sin­nen: auf eine gesun­de Ernäh­rung mit umwelt- und kli­ma­scho­nen­den Lebens­mit­teln und auf zukunfts­fä­hi­ge Wirtschaftsstrukturen.

 

 

Es ist Zeit, unser Ernäh­rungs­ver­hal­ten zu ent­rüm­peln und den Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft anzupassen

 

Jeder Ein­kauf und jedes Essen, ob mit Fleisch oder Tofu, ist längst ein Stück poli­ti­schen Han­delns. Denn jeder Griff ins Waren­re­gal ist eine klei­ne Grund­satz­ent­schei­dung: Men­schen­wür­de oder Aus­beu­tung, Tier­wohl oder Mas­sen­tier­hal­tung, öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft oder Pes­ti­zi­de, Mono­kul­tu­ren oder Arten­viel­falt, gegen Ver­schwen­dung hier und Hun­ger dort. Dar­um geht es. Nicht um Klo­pa­pier, nicht um Nudeln oder Hefe. Die sind, wir haben es erlebt, schnell ersetzbar.

 

→ Bir­git Schumacher

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 89 — Win­ter 2020

 

 

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