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Ortstermin

Wenn Fleisch wurst ist …

Die schwäbische Firma Topas stellt vegane Fleisch­alternativen auf Weizenbasis her. Die populäre Bio-Produktlinie ­Wheaty boomt. Angst vor den ­veganen Konkurrenzprodukten der Fleischindustrie hat das Unternehmen nicht. Im Gegenteil: Vom Marketing der Großkonzerne profitiert auch der erfolgreiche Veganpionier.
Wheaty Mitarbeiter öffnet Räucherofen
Wheaty Mitarbeiter öffnet Räucherofen

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Neue Veg­gie-Wel­le mit Bey­ond Meat

 

Den neu­er­li­chen Boom ver­dankt das Unter­neh­men nicht nur der eige­nen Kraft, son­dern aus­ge­rech­net auch denen, die vor eini­gen Jah­ren als gro­ße Kon­kur­renz auf den Markt vor­presch­ten: der Fleisch­in­dus­trie. Sie steckt enor­me Sum­men in ihre Wer­be­kam­pa­gnen für Flei­scher­satz­pro­duk­te. »So haben sie das The­ma ›vegan‹ popu­lär gemacht. Heu­te ist es hip und cool, vega­ne Bur­ger zu bra­ten«, sagt Charles-Hen­ry Debal. Gleich­zei­tig sei aus den USA ein neu­er Trend nach Deutsch­land geschwappt – die Bey­ond-Meat-Wel­le. »Und davon pro­fi­tie­ren wir jetzt stark.« Die Men­schen sei­en eher bereit, alte Pfa­de zu ver­las­sen und Neu­es auszuprobieren.

 

 

Wheaty Mitarbeiter würzt die Rohmasse

 

 

Pro­duk­ti­on für den deut­schen und euro­päi­schen Markt

 

Die Aus­gangs­roh­stof­fe für die Whea­ty-Pro­duk­te, allen vor­an Wei­zen und Öl, kom­men aus kon­trol­liert öko­lo­gi­schem Anbau und wer­den fast aus­schließ­lich in Euro­pa her­ge­stellt. Nur eini­ge Gewür­ze müs­sen natur­ge­mäß von wei­ter her impor­tiert wer­den. Die Qua­li­täts­kon­trol­len sind laut eige­nen Anga­ben streng. Auch unab­hän­gi­ge exter­ne Labo­re prü­fen die Qua­li­tät der Roh­stof­fe und Pro­duk­te. Momen­tan lau­fen pro Woche rund 55 Ton­nen Fleisch­ersatzprodukte vom Band. Ten­denz stei­gend. Das Whea­ty-Sor­ti­ment umfasst heu­te etwa 50 Pro­duk­te. Unge­fähr die Hälf­te der Waren wer­den in Deutsch­land abge­setzt, wei­te­re 20 Pro­zent in Frank­reich, danach fol­gen die Bene­lux­staa­ten und der rest­li­che euro­päi­sche Markt. An einem Über­see­ge­schäft im gro­ßen Stil ist das Unter­neh­men nicht inter­es­siert: Zu unbe­re­chen­bar sei­en die Märk­te, zu anders die Spiel­re­geln. Zudem lau­fe die Anla­ge in Ker­nen bereits an ihrer Kapa­zi­täts­gren­ze. Im nächs­ten Jahr soll die alte Fleisch­fa­brik nach und nach abge­ris­sen und durch einen Neu­bau ersetzt werden.

 

Unter­neh­men auf dem Sprung

 

»Für die Viel­zahl an Pro­duk­ten und Kun­den braucht es eine aus­ge­klü­gel­te Logis­tik, um in den engen Räu­men effek­tiv zu arbei­ten«, sagt Chris­ti­an Beh­ne. Gut 80 Men­schen arbei­ten in der Pro­duk­ti­on. Gera­de sor­tie­ren zwei Män­ner am Fließ­band Würst­chen in ihre Ver­pa­ckun­gen ein – im Rekord­tem­po. Auch die Gewür­ze wer­den per Hand abge­wo­gen, der Auf­schnitt von Mit­ar­bei­ten­den hän­disch in die Ver­pa­ckun­gen gelegt. »Aber bald bekom­men wir eine neue Maschi­ne, die das über­nimmt«, sagt Chris­ti­an Beh­ne und zuckt mit den Schul­tern, »das ist dann natür­lich viel effek­ti­ver, wobei es mir eigent­lich gut gefällt, dass wir noch eine rich­ti­ge Manu­fak­tur sind.« Hin­ter der nächs­ten Tür wird es plötz­lich laut. Musik wum­mert durch das Lager. Bei dem fünf­köp­fi­gen Team, das sich um die Eti­ket­tie­rung küm­mert, herrscht Hoch­stim­mung. Der Werks­lei­ter schmun­zelt. »Das ist hier immer so.«

 

 
Wheaty Mitarbeiter in der Abfüllung
 

 

Jetzt geht es um die Wurst

 

»Las­sen Sie mich raten. Da unten lief Hip Hop, oder?«, fragt Charles-Hen­ry Debal spä­ter und lacht. Men­schen, Umwelt, Tie­re – das alles ist dem Unter­neh­men wich­tig. Es unter­stützt etli­che sozia­le Initia­ti­ven. Doch seit eini­ger Zeit muss sich Topas immer häu­fi­ger mit Rechts­strei­te­rei­en beschäf­ti­gen. »Seit Jah­ren ver­su­chen ent­spre­chen­de Ver­bän­de, Bezeich­nun­gen von Whea­ty-Pro­duk­ten ver­bie­ten zu las­sen.« Teil­wei­se wären Pro­duk­te betrof­fen, die seit 20 Jah­ren so hie­ßen. Die Rede ist von Verbraucher:innentäuschung, »aber ganz ehr­lich, wenn irgend­wo vega­ne Wurst drauf steht, weiß jeder, dass in dem Pro­dukt kein Fleisch drin ist und es sich nicht um ein klas­si­sches Würst­chen han­delt«, sagt der Geschäfts­füh­rer und schüt­telt den Kopf, »das ist ein­fach nur ein lächer­li­cher Ver­such, noch was zu ret­ten, bevor das Schiff unter­geht.« Die Fleisch­in­dus­trie mer­ke, dass sich der Wind dreht. »Schon die nächs­te Genera­ti­on wird Fleisch bei wei­tem nicht mehr in der Grö­ßen­ord­nung kon­su­mie­ren, wie es die heu­ti­ge Genera­ti­on tut«, davon ist der Geschäfts­füh­rer überzeugt.

 

Kein Ver­ständ­nis für Hypes

 

Dafür wer­den ande­re Trends an Fahrt auf­neh­men: Bur­ger aus Insek­ten oder auch Fleisch aus dem Labor. »Dann wer­den die Men­schen wie­der von einer Revo­lu­ti­on spre­chen und in Eupho­rie aus­bre­chen«, sagt Charles-Hen­ry Debal, »aber wo liegt der Sinn dar­in, Fleisch im Labor her­zu­stel­len? Das ist so müh­sam und wird so teu­er wer­den.« Er schüt­telt den Kopf. »Aber der Hype wird nicht lan­ge andau­ern, dann wer­den die Men­schen wie­der das rich­ti­ge Maß anset­zen, den Ver­stand ein­schal­ten – und bewusst kon­su­mie­ren.« Und zwar: Pflanzen.

Text von Kris­tin Kasten

wheaty.de

 

Die­ser Bei­trag erschien in Aus­ga­be 92 — Herbst 2021

 

Bioboom 92 Coverbild

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